Wir müssen verstehen, was dort passiert

Wir müssen verstehen, was dort passiert

Interview mit Thomas Silberhorn zum Marshallplan für Afrika


Senegal, Ghana, Botswana, Namibia, Äthiopien…. Die Liste der afrikanischen Länder, die Thomas Silberhorn allein in diesem Jahr bereist hat, ist lang. Der aus dem oberfränkischen Kemmern bei Bamberg stammende Thomas Silberhorn ist Staatssekretär beim Bundesminister für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ). Dem Außenwirtschaftsportal erklärte der 48-Jährige die Zielsetzungen des Marshallplans mit Afrika, den Bundesentwicklungsminister Gerd Müller Anfang des Jahres vorgelegt hat, und warum die deutsche Wirtschaft Afrika stärker im Blickfeld haben sollte.

Auwi: Was sind die Zielsetzungen des Marshallplans mit Afrika? Es geht ja über eine "bloße" Finanzierungshilfe hinaus?
 

Silberhorn: Wir brauchen eine völlig neue Dimension der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Afrika. Afrika ist ein vielfältiger Kontinent und deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen. Ja, es gibt dort weiterhin Hunger-Krisen und Konflikte sowie  schwierige Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Betätigung und private Initiativen. Aber es gibt genauso Chancen, die von anderen Ländern schon genutzt werden und auch von uns wahrgenommen werden sollten: Von den zehn Staaten mit dem weltweit größten Wachstum liegen sechs in Afrika! Die Hälfte aller 54 afrikanischen Staaten sind mittlerweile Mitteleinkommensländer, und in Zukunftsbereichen wie etwa der Digitalisierung sind dort viele Länder höchst innovativ. Außerdem: Afrikas Bevölkerung wird sich verdoppeln von 1,2 Mrd. auf 2,5 Mrd. Einwohner bis 2050. Das bedeutet, die junge Generation dort braucht Bildung und Beschäftigung. Wir möchten daran mitwirken, dass mehr Wertschöpfung in Afrika stattfindet als momentan.

Noch sind zu viele afrikanische Länder auf die Urproduktion beschränkt, auf Agrarprodukte, auf Rohstoffexport. Das reicht nicht, um ausreichend Arbeitsplätze für junge Leute zu generieren. Mehr Weiterverarbeitung vor Ort in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft oder in Handwerk und Industrie ist vonnöten, nur dadurch entstehen mehr Arbeitsplätze. Hier setzen wir mit dem Marshallplan an.  Die Zielsetzung ist, in Kooperation mit afrikanischen Partnerländern die Bedingungen vor Ort zu verbessern, nicht nur für Investitionen von außerhalb, sondern auch für private Initiativen im Land. Wir wollen die Unternehmen aus Deutschland besser unterstützen, die bereit sind, mit ihren Investitionen in Afrika politische wie wirtschaftliche Risiken in Kauf zu nehmen. Dazu haben wir im Rahmen der G20-Präsidentschaft Investitionspartnerschaften vereinbart. Investitionen in Afrika sind natürlich eng verknüpft mit der Bereitschaft afrikanischer Staaten, einschneidende Reformen in Wirtschaft und Politik zu wagen.

Deutsche Unternehmen zeigen sich zurückhaltend in Afrika. Von etwa 400.000 deutschen Unternehmen, die im Ausland aktiv sind, sind nur etwa 1.000 in Afrika tätig. Was kann der Marshallplan mit Afrika bewirken?  Wie kann man deutsche Unternehmer ermutigen, genauer nach Afrika zu blicken, und wo liegen Potentiale?
 

Diese Zahlen (gehen auf eine Untersuchung des Afrikavereins zurück, Anm. der Redaktion) belegen, wie viel Potenzial ungenutzt ist. Es kann mehr passieren, und es tut sich was: Ein Beispiel ist etwa der größte Solarpark der Welt  in Marokko, durch den mit maßgeblicher deutscher Förderung 1,3 Mio. Menschen mit Strom versorgt werden. Der größte Windpark der Welt entsteht gerade in Ägypten – Siemens hat damit den größten Auftrag seiner Unternehmensgeschichte erhalten. Diese Beispiele belegen, dass es Sinn macht, nach Afrika zu blicken.

Ein Schlüssel ist Information:  Es gibt eine Vielzahl an Analysen wie den African Economic Outlook der OECD oder die Studien des Afrikavereins der deutschen Wirtschaft, die Orientierung bieten, aber auch das Außenwirtschaftsportal Bayern mit dem Afrika-Informationsangebot! Die Agentur für Wirtschaft und Entwicklung  informiert Unternehmen ebenso wie die EZ-Scouts bei Kammern und Verbänden in ganz Deutschland. Es gibt Förderprogramme wie develoPPP.de . Die Zauberworte sind Wertschöpfung und Beschäftigung! Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit bietet etwa mit beruflichen Bildungsmaßnahmen in Kooperation mit der Wirtschaft einen erhöhten Mehrwert auch für Investoren. Außerdem fördert unser Haus über 350 Projekte im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie (Bsp.: Geburtenregistrierung, Drohnenlogistik). Auf der Cebit in Hannover haben wir junge Entrepreneure aus Afrika und ihre Ideen mit deutschen Investoren zusammengebracht. Deutschland hat Kapital, Technologie und Erfahrung, Afrika hat Bedarf, lokales Know-how und Dynamik.

Gibt es mehr Beispiele der erfolgreichen Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika?
 

Mobile Zahlsysteme wurden in Kenia entwickelt, im so genannten Silicon Savanna.  Deutschland war in Ghana an der Einführung des elektronischen Kartenbezahlsystems e-zwich beteiligt. Es ermöglicht, dass dort die Leute auch ohne Bankkonto Zugang zu Finanzdienstleistungen haben. Jeder wird mit Fingerabdruck identifiziert und kann ein- und auszahlen. Schöner Nebeneffekt: Durch dieses neue System kamen im Bereich Lohnauszahlung beim National Service über 30.000 Betrugsfälle ans Licht. Damit wurde Transparenz geschaffen. Oder Beispiel Tunesien, nur drei Flugstunden von München entfernt: Dort haben bayerische Unternehmen rund 50.000 Arbeitsplätze geschaffen in den Bereichen Automobilzuliefer- und Textilindustrie. 

Im Marshallplan ist die Rede von Stellenschrauben. Welche müssen zuerst angezogen werden?
 

Die Länder müssen zu Reformen bereit sein. Wir vereinbaren Reformpartnerschaften und helfen beim Aufbau von Good Financial Governance. Dabei geht es um eine Regierungsführung, die effektiv und transparent ist, mit einer raschen Zollabfertigung, funktionierenden Finanzämtern und Rechtssicherheit für Investoren. Wichtig ist auch eine faire Besteuerung: Es ist ein unerträglicher Missstand, dass Europa viele sichere Häfen zur Steuervermeidung bietet. Viel Geld aus Afrika fließt in diese sicheren Häfen und wird nicht effektiv eingesetzt. Erfolgreiche Unternehmer aus Afrika sollten Geld besser vor Ort investieren und Arbeitsplätze schaffen. Ausländische Investoren brauchen vor allem Rechtssicherheit. Wenn Staaten den Mut zu Reformen aufbringen, können sie selbst mehr erreichen und auch mit mehr Unterstützung von uns rechnen.

Wie ist Ihre Vision?
 

Es gibt in allen Himmelsrichtungen auf diesem Kontinent einige Ankerländer, in denen Investitionen sinnvoll sind wie z.B Tunesien und Marokko, Ghana und Elfenbeinküste, Kenia und Ruanda, Südafrikaund Botsuana. Ich wünsche mir Hubs in allen Ecken des Kontinents, in denen wirtschaftliche Zusammenarbeit ohne Korruption Alltag ist und die Strahlkraft für die intraafrikanische Entwicklung entfalten.