Brexit: "Ein No Deal wäre das Worst-Case-Szenario!"

Februar 2019   Seit dem geplatzten Brexit-Deal von Theresa May scheint ein No-Deal-Szenario für Großbritannien immer wahrscheinlicher. Im Interview verrät Dr. Ulrich Hoppe, Geschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer, mit welchen Konsequenzen bayerische Unternehmer in diesem Fall rechnen müssen.

  • Was sagt Ihr Bauchgefühl? Kommt es am 29. März zum No-Deal-Szenario?
    Was sagt Ihr Bauchgefühl? Kommt es am 29. März zum No-Deal-Szenario?
    Ich persönlich denke nicht, dass es zu einem Ausstieg ohne Deal kommt – das können sich beide Seiten nicht erlauben! Auch die Abstimmungen des britischen Parlaments Ende Januar habe ich als kleinen Schritt in die richtige Richtung empfunden. Am Ende wäre es für Großbritannien als – ich nenne es mal „erwachsenes Land“ – schwierig sich zu rechtfertigen, warum trotz aller Verhandlungen und Diskussionen kein Abkommen zustande gebracht wurde. Gleiches gilt für die EU. Aber meiner Meinung nach wird es irgendeinen Deal oder zumindest Zusatzvereinbarungen geben. Ich halte einen Brexit ohne Abkommen für unwahrscheinlich.
  • Wäre ein No Deal auch das Worst-Case-Szenario? Mit welchen Konsequenzen müssten Unternehmer in diesem Fall rechnen?
    Ja definitiv! Dann müssten sofortige Notfallmaßnahmen greifen! Viele sind schon in Vorbereitung aber noch nicht unbedingt von allen Seiten verabschiedet. Im allerschlimmsten Fall kämen sogar Teile des Flugverkehrs zwischen Großbritannien und Europa zum Erliegen. Aber auch für die Medikamentenversorgung wäre ein No Deal hochproblematisch: Viele Medikamente sind für ganz Europa in Großbritannien hergestellt, getestet oder zugelassen, ohne Abkommen wäre der Verkauf dieser Medikamente innerhalb der EU unter Umständen zunächst nicht möglich. Da merkt man wieder, wie sehr die Welt inzwischen miteinander verzahnt ist.
  • Welche Sorgen und Befürchtungen kristallisieren sich in Gesprächen mit deutschen Unternehmen heraus? Sind diese wirklich gerechtfertigt?
    Aktuell weiß niemand, was wirklich passieren wird. Das ist das größte Problem. Auch wenn ich nicht denke, dass es dazu kommt: Das No-Deal-Szenario bleibt weiterhin eine Option. Und selbst wenn der Brexit vollzogen ist; es besteht eine Übergangsperiode von zwei Jahren. Was passiert danach? Die Unsicherheit bleibt und Unternehmer müssen deswegen vor allem auch längerfristig flexibel bleiben.
  • Wie können sich Firmen jetzt noch auf den Brexit vorbereiten?
    Eigentlich ist es schwierig sich wirklich gut auf ein mögliches Szenario vorzubereiten. Am Ende kommt es vielleicht doch ganz anders. Dennoch sollten Unternehmer sich folgendes fragen: Wie setzt sich meine Lieferkette zusammen? Möglicherweise lohnt es sich diese anzupassen und nach alternativen Lieferanten aus anderen europäischen Ländern zu suchen. Wichtig sind auch die Lagerhaltungskapazitäten – im Falle eines No Deals muss die Liefersicherheit ja dann auch kurzfristig sichergestellt werden. Generell lohnt es sich immer mit den Abnehmern und Lieferanten zu sprechen.
  • Laut einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge haben viele Unternehmer noch keinerlei Vorbereitungen auf die Änderungen nach dem Brexit vollzogen. Wie gut sind deutsche Unternehmen Ihrer Meinung nach schon vorbereitet?
    Es gibt schon Unterschiede. Große Unternehmen machen sich natürlich im Vorfeld mehr Gedanken als klein- und mittelständische Unternehmen. Ich habe jedoch die Hoffnung, dass die deutschen Unternehmen die Brexit-Herausforderung gut meistern werden.
  • Viele Amerikaner haben scheinbar noch nie etwas vom Brexit gehört. Ist der Brexit nur innerhalb der EU-Staaten ein so brisantes Thema?
    Ich habe schon das Gefühl, dass es primär ein innereuropäisches Problem ist. Je größer die geografische Distanz, desto weniger wird darüber diskutiert. Das liegt vor allem an den weniger global vernetzten Lieferketten mit Asien und Amerika. Wenn der Brexit durch ist, wird es dann aber bestimmt auch außerhalb der EU spannend.
  • Danke für das Gespräch!
    +++ Cornelia Kauruff +++