Wandel nach der Isolierung Argentiniens

Wandel nach der Isolierung Argentiniens

Exporttag Bayern legt Fokus auf Argentinien


Federico Thielemann ist Stellvertrender Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Argentinische Industrie- und Handelskammer in Buenos Aires. Er hat mit uns über die Chancen und Risiken des argentinischen Marktes gesprochen und warum jetzt, der richtige Zeitpunkt ist, den Auslandsgang zu wagen!

Auf dem Exporttag Bayern wird ein Panel mit dem Titel „Argentinien zurück auf dem Weltmarkt“ stattfinden. Was können wir darunter verstehen?

Nach dem Regierungswechsel in Argentinien Ende 2015, hat die neue Regierung von Staatspräsident Mauricio Macri einen drastischen Kurswechsel in Politik und Wirtschaft durchgeführt. Nach jahrelanger Isolierung des Landes von den internationalen Märkten positioniert sich Argentinien erneut in der globalisierten Welt. Ganz konkrete Beispiele hierzu sind die Präsidentschaft Argentiniens der G20 in 2018, die vorangeschrittenen Verhandlungen zwischen EU und Mercosur, als auch die vielzähligen Besuche von Regierungs- und Staatschefs, darunter auch der Besuch der Bundeskanzlerin Angela Merkel in Juli 2017 in Buenos Aires, als auch zwei Besuche Macris in Deutschland seit seinem Amtsantritt.

Wie steht es derzeit um die bayerische Präsenz in Argentinien? Wie viele bayerische Unternehmen sind derzeit in Argentinien tätig?

Die bayerische Präsenz in Argentinien ist stark, und auch mit einer lagen Tradition verbunden: Siemens, zum Beispiel, ist schon über 100 Jahre in Argentinien tätig. Rund 40 bayerische Unternehmen haben eine Niederlassung in Argentinien, in diversen Bereichen: Energie, Erneuerbare Energien, Maschinenbau, KfZ, Versicherungswesen, Umwelttechnik etc. Eine genaue Zahl aller bayerischen Unternehmen, die in Argentinien tätig sind, liegt leider nicht vor, da eine Vielzahl von Firmen nicht immer über Niederlassungen den Markt bedienen, sondern über einen Handelsvertreter oder Importeur.

Die bayerische Präsenz im Land wird zusätzlich durch eine Bayern-Repräsentanz für Argentinien verstärkt, die sehr eng und kooperativ mit der AHK gemeinsam arbeitet, und schon diverse Projekte sehr erfolgreich durchgeführt.

Wie unterstützt die AHK diese Unternehmen?

Die AHK unterstützt bayerische Unternehmen bei Ihrem Eintritt in den argentinischen Markt anhand individueller Marktstudien, Pre-Market-Checks und gezielten Geschäftspartnersuchen. Desweitern organisiert die AHK Unternehmerreisen. Für die schon ansässigen Unternehmen werden diverse Veranstaltungen zu verschiedenen Themen mit argentinischem Fachpublikum organisiert (Industrie 4.0, Erneuerbare Energien, Energieeffizienz). Mit über 40 Jahren dualer Ausbildung in Argentinien, unterstützt die AHK lokale Niederlassungen beim Zugang zu ausgebildeten Fachkräften.

Welche Hindernisse sehen Sie für den Ausbau der bayerisch-argentinischen Wirtschaftsbeziehungen?

Der argentinische Markt ist kein Markt für kurzfristige Geschäfte. Es benötigt etwas Zeit, Geld und Geduld um in den Markt richtig einzusteigen. Flexibilität und Anpassungsvermögen sollte man aufgrund wechselnder Rahmenbedinungen mitbringen. Auch können in einigen Fällen die Zertifizierungen und die Einfuhrbestimmungen etwas aufwendig sein. Nichtdestotrotz, kann man sehr gute Geschäfte in Argentinien, wenn man durch gute Partner (Zollagenten, Vertreter, Händler etc.) beraten und begleitet wird. Bei der Partnersuche und dem Aufbau von Geschäftsbeziehungen kann die AHK interessierte mit einer Vielzahl von Dienstleistungen unterstützen.

Ganz ehrlich: Lohnt sich derzeit eine Geschäftstätigkeit in Argentinien?
Ist Argentinien wirklich ein attraktiver Investitions- und Exportmarkt?

Argentinien ist auf jeden Fall ein interessanter Markt! Es ist die zweitgrößte Volkswirtschaft in Südamerika nach Brasilien und besitzt eine relativ hohe Kaufkraft. Deutsche Produkte sind hoch angesehen durch ihre hohe Qualität. Das erklärt zum Teil, dass Deutschland der 4. wichtigste Lieferant Argentiniens ist. Es ist auch jetzt ein guter Zeitpunkt, sich mit Argentinien zu befassen: Das Land hat viele Restriktionen der letzten Jahren aufgehoben. Die Konjunktur zieht langsam aber sicher an (reales Wachstum 2017: + 2,7%; 2018: + 2,8%) und die Regierung hat ein ehrgeiziges Programm zur Ausweitung und Erneuerung der veralteten Infrastruktur (Transport, Energie, Flughäfen, Eisenbahn etc.) angestoßen. Das Land hat große noch ausgeschöpfte Potenziale, für die auch deutsche Unternehmen interessant sind. Es kommt natürlich auch ein bisschen auf die Branche, das Produkt oder den angebotenen Service an. Besondere Wachstumsbranchen sind derzeit die Agrarindustrie, Lebensmittelverarbeitung und Verpackungsindustrie, Energieerzeugung, Infrastruktur, Digitale Technologien. Auch in anderen Branchen kann die AHK bei Interesse anhand eines Pre-Market Checks das konkretere Marktpotenzial ausloten. Trotz der noch offenen Herausforderungen, sind wir überzeugt, dass sich ein Einstieg in den argentinischen Markt lohnt.