So war´s: Afrikaforum Bayern 2019

So war´s: Afrikaforum Bayern 2019

Bayerns Wirtschaft will in Afrika ihre Chancen nutzen


München (05.06.2019) - Über 200 Teilnehmer, spannende Themen, eine klare Botschaft: Bayerns Wirtschaft will in Afrika ihre Chancen nutzen!

„Chancenkontinent“ – das klang vor einigen Jahren noch anders. Da stand Afrika für Kriege, Krisen, Korruption und Chaos. Afrika war Thema der Kirche und der Entwicklungshilfe. Aber Wirtschaft? Das Geschäft überließ man China und Russland. Das „Afrikaforum 2019“ am 25. Juli hat gezeigt, wie radikal sich die Sichtweise geändert hat.

Schon die Premiere des Afrikaforums im vergangenen Jahr in Nürnberg war ein Erfolg. Dieses Jahr fand das Forum unter dem Slogan „Märkte für den Mittelstand in Ost und West“ im neuen Conference Center-Nord der Messe München statt. Die Veranstalter, die bayerischen IHKs (BIHK) in Kooperation mit der Messe München, dem bayerischen Wirtschaftsministerium und dem EZ-Scout Bayern, konnten mit der Resonanz zufrieden sein. Das Forum war mit mehr als 200 Anmeldungen ausgebucht.

BIHK-Präsident Eberhard Sasse brachte die Ausführungen der Referenten auf die kurze Formel „Auf nach Afrika!“ Dafür sprechen viele Gründe. Einer ist die strategische Frage: Wo findet auf lange Sicht überhaupt noch Wachstum statt?

Afrika wächst auch langfristig

Professor Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, sprach von der „demografischen Dividende“: Afrikas Bevölkerung wird auch dann noch wachsen, wenn die Chinas schrumpfen wird. Die Zahl der Menschen wird in Afrika bis 2050 um 100 Prozent zulegen und auf gut 2,5 Milliarden steigen.

Schon heute liegen 6 der 15 wachstumsstärksten Länder der Welt in Ost- und Westafrika. Felbermayr erwartet für die beiden bevölkerungsreichsten Länder Äthiopien und Nigeria ein dauerhaftes Wachstum zwischen 4 und 5 Prozent. Kein anderer Kontinent verspricht auf lange Sicht solche Dynamik. Um die politische Stabilität zu sichern, brauchen Afrikas Regierungen dringend Jobs für ihre junge Bevölkerung. Der Investitionsbedarf für Verkehrswege, Wohnungsbau, Entsorgung und Energieversorgung ist riesig. Und während die Briten und die USA sich abschotten, öffnen sich in Afrika die Märkte.

BIHK-Präsident Sasse sprach von einem „klaren Signal an die Welt“. Gemeint ist die am 30. Mai beschlossene „African Continental Free Area“ (ACFTA), die größten Freihandelszone der Welt, der 54 von insgesamt 55 afrikanischen Staaten angehören.

„Wir machen extrem wenig“

Felbermayr erklärte, der Wettlauf um die afrikanischen Märkte sei in vollem Gang. Zwar ist die EU derzeit noch Afrikas wichtigster Handelspartner, doch die Konkurrenz drückt aufs Gas. Laut Felbermayr hat der Handel zwischen der EU und Afrika im Zeitraum von 2006 bis 2018 um 41 Prozent zugelegt. China kommt auf ein Plus von 226 Prozent, Indien gar auf 292 Prozent.

Wirtschaftsstaatssekretär Roland Weigert (Freie Wähler) nannte die Entwicklung „fast beängstigend“. Es werde mit „extrem harten Bandagen“ um Afrikas Märkte gekämpft. Inzwischen hätten Afrikas Regierungen aber ihre Erfahrungen mit chinesischen und russischen Investoren gemacht. Und die agierten anders als die Caritas. „Das ist unsere Chance. Wir bieten eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Wir wollen nachhaltige Handels- und Wirtschaftsbeziehungen“, sagte Weigert.

Wachsende Verhandlungsmacht

Felbermayr sieht das genauso. Nach seiner Ansicht geht es in Afrika nicht nur um Entwicklungszusammenarbeit. Er ist davon überzeugt, dass künftige Technologiesprünge auf dem „Chancenkontinent“ stattfinden. Als Beispiele nannte er die Entwicklung von Apps, die die Alphabetisierung fördern. Oder der Einsatz von Drohnen, um den Zustand der Straßen zu ermitteln.

Stefan Rummel, Geschäftsführer der Messe München, forderte zum Teamplay auf: Die Messe München spürt einen weltweiten aggressiver werdenden Wettbewerb, wer künftig in Afrika die Leitmessen organisieren wird. Staatsregierung, Unternehmen, Messe, IHKs und AHKs – alle müssten nun an einem Strang ziehen. Nur dann sei man erfolgreich.

Für Afrika braucht es Mut

BIHK-Präsident Sasse betonte, für Afrika brauche es Mut. Die anwesenden Unternehmer seien Vorbilder. „Sie gehören zu denen, die sich frühzeitig um neue Märkte kümmern“, lobte der BIHK-Präsident. Diese Märkte zu erschließen, erfordert aber Strategie und Planung.

Die Podiumsdiskussion „Von Addis bis Abidjan: Geschäftspotenzial für Bayerns Wirtschaft“ verdeutlichte, wie Bayerns Mittelständler den Sprung nach Afrika schaffen können.

Frank Dollendorf, Bereichsleiter Internationalisierung, Industrie, Innovation der IHK München, moderierte das Gespräch mit ausgewiesenen Afrika-Experten. Auf dem Podium saßen Maren Diale-Schellschmidt, Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Kenia, Dr. Michael Blank, Leiter der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Ghana, Rudolf Düster, Geschäftsführer der SEBA Hydrometrie aus Kaufbeuren, und Hermann Schrattenthaler, Bereichsleiter Afrika von BAUER Maschinen aus Schrobenhausen.

Viel Geld und gute Nerven

Das Fazit des Gesprächs: Wer in Afrika einsteigen will, muss viel Geduld mitbringen. Die Qualität „Made in Germany“ werde in Afrika weiterhin sehr geschätzt und die Konkurrenz aus den asiatischen Ländern ist keinesfalls unschlagbar.

Herrmann Schrattenthaler sagte, ein guter Aftersale-Service sei wichtig. Er habe schon häufiger erlebt, dass Anlagen der Konkurrenz still standen, weil ein Ersatzteil nicht geliefert werden konnte. SEBA-Chef Düster erklärte, Französisch-Kenntnisse seien in Westafrika Pflicht, wenn man Erfolg haben wolle.

Maren Diale-Schellschmidt betonte die Bedeutung fester Anlaufstellen für die Unternehmen. Hier geht es gut voran. So eröffnete der bayerische Ministerpräsident auf seiner ersten Afrika-Reise im April eine Bayerische Repräsentanz in Addis Abeba. Laut Michael Blank wird in Kürze ein AHK-Büro in der Elfenbeinküste die Arbeit aufnehmen und demnächst soll es auch ein weiteres AHK-Büro in Äthiopien geben. Immerhin geht es um einen Markt mit 100 Millionen Menschen.

Für den Erfolg entscheidend war nach Ansicht aller Panelisten auch ein verlässlicher Kontakt vor Ort. Persönliche Kontakte seien in afrikanischen Ländern auch deshalb hilfreich, da vieles über Empfehlungen und Erfahrung abgewickelt wird.

Zur Frage der gesamtafrikanischen Freihandelszone „AfCFTA“ zeigten sich die AHK-Vertreter verhalten optimistisch. Das Projekt sei ein sinnvoller Ansatz. Allerdings müsste man abwarten, ob sich die ambitionierten Pläne, eine Freihandelszone mit nahezu allen afrikanischen Staaten zu bilden, überhaupt umsetzen ließen. Bisher wären die Zölle für einzelne Staaten immer noch eine willkommene Einnahmequelle, so Michael Blank.

Start-ups als Mutmacher

Beim anschließenden Start-Up-Pitch präsentierten sich junge innovative Unternehmen ‎aus Bayern, die von Anfang an internationale Märkte in Afrika im Blick haben und dabei ‎innovative Lösungen in afrikanischen Zielmärkten ‎entwickeln haben. Sie alle zeichnen sich durch Engagement vor Ort und ‎nachhaltige Geschäftsmodelle in und mit Afrika aus: getInnotized GmbH aus ‎München, MangoSolar aus Neu-Ulm und die Startup Lions GmbH aus Geltendorf.‎

Nach einem afrikanisch angehauchten Mittagsbuffet, ging es für die Teilnehmer des Afrikaforums Bayern 2019 in Workshops.

Workshop I: Ausbildung & Beschäftigung & EZ

Mehr und bessere Ausbildung und Beschäftigung in den Wachstumsmärkten in Ost- und Westafrika war im gleichnamigen Workshop das Thema, zu dem Dr. Marc Lucassen, Delegierter der deutschen Wirtschaft in Nigeria, Thomas Schmidt, Geschäftsführer der KRONES AG in Angola und GIZ-Berater Andreas Kaiser von der BMZ-Sonderinitiative Ausbildung & Beschäftigung ihre Sicht, Erfahrungen und Lösungsangebote präsentierten.

Workshop II: Markterschließung durch Messen

Wie sich der Markteinstieg in den Ländern West- und Ostafrikas erfolgreich gestalten lässt und welche Rolle Messen dabei spielen können, erläuterten Gabriele Kraus, Executive Director der IMAG GmbH, Paul März, Geschäftsführer der fairtrade Messe GmbH und Matthias Thienel, Geschäftsführer der Destilla GmbH mit anschaulichen Erfahrungsberichten. Deutlich wurde, dass man auf jeden Fall von einem mehrjährigen Zeithorizont ausgehen und auch eine Portion Improvisationstalent mitbringen sollte.

Workshop III: Digitales Afrika

Im Workshop Digitales Afrika diskutierten Matthias Boddenberg, Geschäftsführer der AHK Südliches Afrika, Dieter Will, Leiter Business Development, Adva Optical Networking SE und GIZ-Projektmanager Niels Biermann von der BMZ-Initiative „Strategische Partnerschaft Digitales Afrika“ Unterstützungsangebote, Praxisbeispiele und Marktchancen durch den digitalen Aufbruch in wichtigen Zielmärkten in Ost- und Westafrika.

Workshop IV: Logistik – Transport – Zoll

Hier diskutierten Wolfgang Busch, Director Business Development Africa der Bolloré Group, Volker Schliesche, Sales Executive, SGS Germany GmbH und Markus Wauschkuhn von der Allianz für Handelserleichterungen bei der GIZ über die teilweise herausfordernden Rahmenbedingungen bei der Zollabwicklung und die unterschiedlichen Auflagen der Produktprüfungen, die bei Geschäften in Ost- und Westafrika zu beachten sind.

Parallel zum Programm fanden auf dem Afrikaforum Bayern über 90 Einzelgespräche mit den Experten der deutschen Auslandshandelskammern in Subsahara-Afrika, sowie Vertretern des Global Business Network der GIZ und Euler Hermes statt. Kontakte zu hilfreichen Partnern für das Afrika-Geschäft konnten die Teilnehmer an den Ständen der Aussteller und mit den Honorarkonsuln der west- und ostafrikanischen Ländern in Bayern knüpfen.

Am Ende eines langen und heißen Tages mit vielen aktuellen Afrika-Informationen klang das Afrikaforum Bayern bei einem alkoholfreien und erfrischenden Kaffeecocktail aus dem vorgestellten Kedovo-Kaffeeprojekt aus. Der Sprung nach Afrika mochte für viele Teilnehmer zu Beginn des Tages noch gewagt erschienen sein. Am Ende, waren alle dem afrikanischen Kontinent ein großes Stück näher gekommen. Bis zum nächsten Jahr beim Afrikaforum Bayern 2020!

 

Auf www.afrika-forum.bayern finden sich die Präsentationen der Referenten und einige Fotos der Veranstaltung zum Download.