„Wir sind ja gar nicht dort“ - Interview zum geringen Engagement der deutschen Wirtschaft in Afrika

Der FAZ-Redakteur und Publizist Christian Hiller von Gaertringen beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Afrika. Er plädiert dafür, den Kontinent nicht immer nur als Armenhaus und Spendenempfänger wahrzunehmen, sondern auch als lohnenden Markt und Boomregion. Seit Jahren verzeichnet Afrika ein stabiles Wachstum, die meisten Länder hätten dies längst erkannt, Deutschland drohe, die Chancen des afrikanischen Marktes zu verschlafen, schreibt er in seinem Buch „Afrika ist das neue Asien“, das letzten Herbst erschienen ist. Wir sprachen mit dem Autor über das Afrikabild der Deutschen, erstaunliche Entwicklungen auf dem schwarzen Kontinent und den guten Ruf deutscher Firmen und Qualität dort. (Teil 1)

  • Das Hindernis im Kopf
    Das Hindernis im Kopf

    Herr von Gaertringen, was hindert eigentlich deutsche Unternehmen, nach Afrika zu gehen?
    Das größte Hindernis liegt im Kopf. Die Unternehmen scheuen es, können es sich nicht richtig vorstellen. Das „Wie?“ ist das zweite Hindernis. Mittlerweile sind sehr viele Unternehmen interessiert, wissen aber noch nicht genau, wie sie in diesen Markt einstiegen sollen.

    Wie würden Sie deutsche Unternehmen überzeugen?
    Wer in Afrika investiert, investiert in die einzige Region, in der die Märkte noch wachsen. Die Bevölkerung in Afrika wird sich bis 2050 mehr als verdoppeln, von 1,1 auf 2,4 Milliarden Menschen. Das heißt umgekehrt, die Hälfte der afrikanischen Verbraucher des Jahres 2050 ist noch gar nicht geboren. Junge Bürger brauchen alles: Schulen, Straßen, Krankenhäuser, sie bauen Wohnungen, wollen Telefon, sie wollen eine Ausbildung und wollen arbeiten. Wir müssen zudem Arbeitskraft immer stärker exportieren, Lohnfertigung ins Ausland. Das ist eine direkte Folge der Globalisierung. Und jetzt können wir noch Arbeitsplätze in die Türkei oder Marokko exportieren, wir sollten aber auch stärker in afrikanische Länder gehen.

    Welche Länder würden sie vor allem empfehlen?
    Nigeria auf jeden Fall, ein sehr dynamischer Markt, auch Äthiopien und Kenia, eigentlich die gesamte East-African-Community. Jetzt nicht, weil die an einer eigenen Währung arbeiten, sondern weil das eine Boom-Region ist. Das französischsprachige Afrika ist etwas schwieriger, auch von Ghana bin ich nicht so überzeugt. Das südliche Afrika wäre noch eine Empfehlung, wobei Südafrika selber zunehmend schwieriger wird.
    Mich persönlich überzeugen nicht so sehr Länder, die von Rohstoffen leben, wie Mosambik und Angola. Ein Land, was jedoch bei mir noch oben auf der Liste steht, ist die sogenannte Demokratische Republik Kongo. Nicht weil der Norden des Landes so wahnsinnig politisch stabil und nicht weil der Süden so korruptionsfrei wäre, aber weil der Westen des Landes – rund um Kinshasa - eine der großen Boomregionen des Kontinents ist. Die leidet darunter, dass die Investoren erst diese Top-Down-Analysen machen und Länderrisiken definieren und da fällt die Demokratische Republik Kongo schon mal ganz nach hinten runter. Aber selbst wenn das Land auseinanderbrechen sollte, was man nicht völlig ausschließen kann, wird der Westen eine der großen Wachstumsregionen bleiben.

  • Das Hindernis im Kopf

    Was fasziniert Sie eigentlich so an Afrika?
    Vor allem die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit der Regionen, der Leute der Landschaften, dann aber auch der Wagemut und dieses unternehmerische Denken, dieser fröhliche Optimismus den man dort trifft.

    Und was hat Sie bewogen, das Buch zu schreiben?
    Da muss ich schon etwas in die persönliche Geschichte hinein. Ich bin Deutscher und Franzose und habe in Lyon Wirtschaftswissenschaften studiert. Dort bin ich schon sehr viel mit Afrikathemen in Berührung gekommen, wie ein Projekt meines Professors für die Entwicklung von Sparkassen im Senegal. Die Leute vergruben damals das Geld in der Erde, statt es zu sparen, weil sie sagten: Geld hat einen schädlichen Einfluss auf die Menschen, wir decken es lieber zu.
    Dann war Afrika lange Zeit nur kulturell für mich ein Thema, vor allem westafrikanische Musik. Bis ich meine Frau, eine Kenianerin, kennengelernt habe. Da habe ich dann Ostafrika entdeckt und mir ist dieser wahnsinnige Aufschwung dort aufgefallen. Als ich nach Kenia kam, haben alle nur über Business gesprochen und sich auch als Unternehmer verstanden.
    Als ich anfing, mich systematisch mit dem Thema zu beschäftigten, hat mich vor allem Kenia interessiert, weil das kein Aufschwung war, der sich mit einem exogenen Faktor erklären ließ, keine Rohstoffe, keine großzügige Budgethilfe, sondern ein Aufschwung, der selbsttragend war.


    Statt mit Aufschwung und Wachstum wird in Deutschland Afrika südlich der Sahara mit Armut, Hunger, Krankheiten und Bürgerkriegen in Verbindung gebracht. Woher kommt dieses verzerrte Bild?
    Generell ändern sich Vorstellungen nur sehr langsam. Die Trägheit der Masse ist das eine. Das andere ist die Art der Einwanderung, die wir in Deutschland haben. Sie trägt dazu bei, dass bei uns Afrikaner ankommen, die in niedrig qualifizierten Jobs landen, selbst wenn sie eine hochwertige Ausbildung haben, weil hier ihre Abschlüsse nicht anerkannt werden. Und natürlich das Fernsehen, es wird Werbung mit hungernden afrikanischen Kindern gemacht. Diese ganzen Bilder führen dazu, dass sich das Afrikabild des armen Kontinents festigt. Und sehen wir mal einen Afrikaner im schicken Anzug, ordnen wir diese gern der Halbwelt zu.

  • Wollen wir ein armes Afrika?
    Wollen wir ein armes Afrika?

    Sie sagen, in den Medien wird über Afrika meist im Zusammenhang mit Krisen berichtet und wenig über die Chancen des Kontinents.
    Ja, das ist meist schlaglichtartig, Auslandskorrespondenten haben es oft schwer, in die deutschen Medien zu kommen. Das ist in Lateinamerika oder Indien aber genauso, wo dann bevorzugt über Massenvergewaltigungen berichtet wird. Dadurch entsteht eine verzerrte Wahrnehmung.
    Und der afrikanische Kontinent ist riesig. Meine Zeitung, die Frankfurter Allgemeine, hat in Johannesburg einen Korrespondenten für ganz Afrika und in Kairo einen für die arabische Welt. Der Kollege in Johannesburg ist von manchen Orten in Afrika weiter weg als ich hier in Frankfurt.


    Wir sind auf Ihr Buch durch provokante Thesen von Ihnen aufmerksam geworden: „Fünf Gründe warum wir ein armes Afrika wollen.“ Wenn wir Afrika nun wirtschaftlich in den Blick nehmen, besteht da nicht die Gefahr eines Neokolonialismus?
    Ich würde es umgekehrt formulieren. Gerade wenn wir nur Spenden und Entwicklungshilfe machen, müssen wir aufpassen, in keinen Postkolonialismus hineinzukommen. Bei diesen Spendenaktionen entscheiden wir hier in Deutschland, wofür wir sammeln. Da wird dann gesammelt für Waisenkinder oder gegen Aids. Für Lehrer zum Beispiel, die pensioniert sind und von ihrer Rente nicht leben können, wird jedoch nicht gesammelt. Man kann auch keine Spenden aktivieren für die Renovierung der Eisenbahnlinie Nairobi – Mombasa, obwohl das genauso wichtig wäre.
    Wir bestimmen also sehr stark, was in Afrika finanziert wird und was nicht. Und wenn wir Wirtschaft betreiben, dann ist es so, dass diese Projekte sowieso nur mit Partnern vor Ort gemacht werden können, für die es dort einen Bedarf gibt. Trotzdem würde ich nicht so weit gehen, zu sagen, man sollte nur Investitionen und Handel machen.

  • Wollen wir ein armes Afrika?

    Bekannt ist, dass sich China sehr in Afrika engagiert. Viele sehen dies kritisch, ihr Blick ist da differenzierter?
    Die chinesisch-afrikanische Beziehung sind hunderte von Jahren alt. China hat Afrika entdeckt, bevor Europa Amerika entdeckt hatte. Es gibt auch eine lange politische Gemeinsamkeit, weil man sich politisch als Teil der „Blockfreien Welt“ begriffen hat. Viele Afrikaner bewundern die wirtschaftliche Entwicklung Chinas und nehmen sie als Vorbild. China war gleichauf mit ihnen in den 70er Jahren und sie haben es verstanden, eine Weltmacht zu werden. Was in den letzten 30 Jahren zwischen China und Afrika passiert ist, da lassen sich verschiedene Phasen ablesen. Die Chinesen sind anfangs sehr statisch reingegangen, es ging ihnen um Rohstoffe. Sie sind teils auch sehr ungeschickt vorgegangen und haben afrikanische Regierungen übervorteilt. Heute ist es viel differenzierter. Die Beziehungen sind vielschichtiger und komplexer geworden. Es gibt mittlerweile auch Chinesen, die sich in Afrika angesiedelt haben, die mit Afrikanerinnen verheiratet sind. Ich sage immer etwas provokant, dass die Chinesen noch keinem deutschen Unternehmen einen Auftrag weggenommen haben, weil: wir sind ja bislang gar nicht dort! Aber die Afrikaner werden über chinesische Produkte auch an deutsche Wertarbeit herangeführt. Sie wollen dann nicht mehr den Kühlschrank, der jedes Mal wackelt, wenn der Motor anspringt, sie wollen auch ein Qualitätsprodukt. Dadurch, dass wir so stark auf China schauen, übersehen wir leicht, dass auch andere unterwegs sind, zum Beispiel Türkei, Brasilien, Indien, Saudi-Arabien, Malaysia. Die Israelis gehören zu den größten Agrarinvestoren in Äthiopien. Wir sollten sehen, dass sich insgesamt die Handelsbeziehungen von Afrika sehr stark ausweiten. Nur wir sind noch nicht dabei.

  • Nivea neben der Gucci-Brille
    Nivea neben der Gucci-Brille

    Afrikaner wissen also deutsche Qualität zu schätzen. Gilt das auch für Werte wie die duale Ausbildung oder den „ehrbaren Kaufmann“?
    Ich werde immer wieder von Afrikanern angesprochen, ob ich ihnen nicht Jobs in einem deutschen Unternehmen vermitteln könnte. In der Hierarchie der Jobs steht das ganz oben. Und genau aus den Gründen, die sie genannt haben, die deutschen Arbeitgeber gelten als fair, man erwartet von deutschen Unternehmen, dass man dort auch eine gute Ausbildung bekommt.
    Der deutsche Arbeitgeber muss jedoch wissen: er muss die Arbeitskräfte in Afrika erst einmal monatelang qualifizieren. Er hat dann aber auch Arbeitskräfte, die stolz darauf sind, bei einem deutschen Unternehmen zu arbeiten. Und dann bekommt der Arbeitgeber in Afrika genauso oder noch stärker motivierte Mitarbeiter als in Deutschland. Da tut sich mittlerweile was. Ich war bei Boehringer-Ingelheim, die haben zusammen mit Merck und einem dritten Pharmaunternehmen in Mombasa eine Initiative gestartet, um pharmazeutisch-technische Assistenten für Afrika auszubilden.
    Julius Berger (ehemals Bilfinger & Berger) ist einer der attraktivsten Arbeitgeber in Nigeria, das liegt schon auch an den deutschen Wurzeln. Das sind auch Dinge, welche die deutsche Wirtschaft in den Vordergrund stellen sollte. Deutsche gelten, auch was den Service anbelangt, als ernsthaft. Ich würde deutsche Produkte nicht versuchen, über den Preis zu verkaufen, das funktioniert nicht, sondern über Prestige.
    Beispielsweise Nivea, gilt bei uns als Allerweltsprodukt. Wenn in Kenia eine Frau eine Nivea-Dose aus der Tasche holt, legt sie diese genauso stolz hin, wie die Gucci-Sonnenbrille daneben. Sie sind eine der größten Kosmetikmarken in Ostafrika und sie machen zu wenig daraus.


    Und wie sieht es umgekehrt mit afrikanischen Arbeitskräften bei uns aus? Können wir es mit unserem Fachkräftemangel erlauben, das Potential der Afrikaner nicht auszuschöpfen?
    Nein, das können wir nicht. Wir sollten unsere Visapolitik ändern, damit afrikanische Unternehmer einfacher nach Deutschland kommen. Wir sollten es ermöglichen, dass Afrikaner leichter Praktika in deutschen Unternehmen machen können. Das sind dann nämlich Botschafter für die deutsche Wirtschaft in ihren Ländern. Wir sollten auch Ausbildungen nicht davon abhängig machen, dass sie alle schon Deutsch können, wenn sie zu uns kommen, sondern Ausbildungsgänge dahin öffnen, dass man diese auch auf Englisch absolvieren kann. Ich glaube, Weg der Zukunft wird sein, dass Ausländer, die in Deutschland leben, viel stärker zwischen hier und ihrer Heimat pendeln.

  • Fortsetzung folgt

    Das Interview führten Almuth Dörre und Christian Rechholz.

    Hier gelangen Sie zum zweiten Teil des Interviews.

    Weitere Infos zum spannenden Kontinent in unserem Afrikaportal unter afrika.bayern.