Erfolgsgeschichte: Die Mühlen von Wackerbauer

Ampfing (10.10.2013) - Die Wackerbauer Maschinenbau GmbH in Ampfing baut seit 1938 Mühlen. In den 1950er Jahren erweiterte das Unternehmen die Produktion um den Maschinenbau. Heute entstehen hier vor allem Sonderlösungen.
  • Serienlösungen sind bei Wackerbauer die Ausnahme, nichtsdestotrotz war das Unternehmen gerade mit ihnen sehr erfolgreich. 2002 konnte das Unternehmen den Bayerischen Staatspreis für den Helikopterlifter, einem Helikopterhub- und transportgerät, entgegennehmen, 2013 gab es auf der Internationalen Handwerksmesse erneut den bayerischen Staatspreis, dieses Mal für eine Trennmühle, die Bioabfall zerkleinert und ihn gleichzeitig von Kunststoffanteilen trennt. Bayern Handwerk International hat mit Claudia Wackerbauer gesprochen, die zusammen mit ihrem Bruder und ihrem Vater das Familienunternehmen leitet.
  • BHI: Frau Wackerbauer, Sie sind eine der drei Geschäftsführer der Wackerbauer Maschinenbau GmbH. Das findet man nicht alle Tage: eine Frau als Geschäftsführerin in einem Maschinenbauunternehmen.
    Wackerbauer: Ich fühle mich nicht als etwas Besonderes. Freilich, mir fällt schon auf, dass ich bei Projektbesprechungen oft die einzige Frau bin. Etwas anderes als ein technischer oder naturwissenschaftlicher Beruf wäre gar nicht in Frage gekommen, darum lernte ich nach der Mittleren Reife „Technische Zeichnerin“. Später machte ich das Fachabitur, studierte Maschinenbau und absolvierte anschließend den Betriebswirt im Handwerk. Dass es ausgerechnet Maschinenbau war, hängt natürlich damit zusammen, dass ich damit „groß“ geworden bin. Wohnhaus und Arbeitsplatz waren in meiner Kindheit in einem Haus.
  • BHI: Welche Rolle spielen Sie im Unternehmen?
    Wackerbauer: Meine Eltern haben in der zweiten Generation das Unternehmen übernommen und hatten noch die klassische Aufteilung: Mein Vater war für die Technik zuständig, meine Mutter für den kaufmännischen Teil. Mein Bruder und ich haben heute ein anderes Verhältnis zueinander. Ich mache die Technik im Büro, den Vertrieb, die Angebote und die Kalkulation. Ich nehme die Spezifikationen auf und schreibe selbst welche. Bei mir ist auch die Schnittstelle zur Elektrotechnik. Mein Bruder, der Maschinenbaumeister, setzt in der Werkstatt das körperlich Vorhandene um. Er konstruiert die Maschine und er überlegt auch, wie sie zu fertigen ist. In meinen Augen eine ganz gute Kombination, weil wir damit zweigleisig fahren können, und ohne den „Ingenieur“ wär´s schwierig.
  • BHI: Sie wurden auf der Handwerksmesse 2013, wo Sie am Gemeinschaftsstand der Arbeitsgemeinschaft der bayerischen Handwerkskammern teilgenommen haben, bereits zum zweiten Mal mit dem Bayerischen Staatspreis ausgezeichnet. Grund dafür ist Ihre „Trennmühle“. Erklären Sie doch bitte einmal das Prinzip.
    Wackerbauer: Mit der Trennmühle ist es möglich, Bioabfall von der Verpackung zu trennen. Der Abfall wird eingefüllt und zerkleinert, und gleichzeitig werden die unterschiedlichen Stoffe getrennt. Die Kunststoffe kommen an einer anderen Stelle aus der Mühle heraus wie die Biostoffe.
  • BHI: Das ist das, was man von außen sieht. Und was passiert drinnen?
    Wackerbauer: Man kann sich das Ganze wie ein Passiersieb vorstellen, durch das die Biomasse getrieben wird. Die Biomasse tropft am Sieb ab, die Folienfetzen bleiben hängen. Sie werden durch die Fliehkraft ausgeschleudert und noch einmal getrocknet. Der Trocknungsprozess ist wichtig, weil das Wasser zwischen den Kunststoffen noch Energie enthält, außerdem haben feuchte Kunststoffe mehr Gewicht, was eine Rolle bei der Entsorgung spielt. Die passierte Biomasse wird, je nach Vorschrift, hygienisiert und geht dann in die Biogasanlage. Mit „Bio“ meint man übrigens alles, was mit Organic zu tun hat: Schalen, die beim Kochen anfallen, Essenreste vom Teller oder der Bioabfall aus dem Supermarkt, Lebensmittel, bei denen das Verfallsdatum abgelaufen ist, bei denen die Rezepturen nicht stimmen und die nicht mehr in den Umlauf gebracht werden können.
  • BHI: Wer sind Ihre Kunden?
    Wackerbauer: In der Hauptsache sind das die kommunalen und privaten Entsorgungsbetriebe, die diese Abfälle sammeln, Stadtwerke und Biogasanlagenbetreiber.
  • BHI: Wieso stören in der Biogasanlage die Kunststoffbestandteile?
    Wackerbauer: Zwischen dem Betonkübel der Biogasanlage und der grünen Haube entsteht die Gasblase. Kunststoffreste in der Bioabfallsuppe würden oben schwimmen und zusammenkleben. Das Gas würde unter der Kunststoffschicht entstehen und den ganzen Biogasprozess stören. Und auch wenn der Bioabfall weiterverarbeitet wird, stört der Kunststoff.
  • BHI: Was passiert mit dem Kunststoff?
    Wackerbauer: Der wird, so ist der jetzige Stand, zum großen Teil verbrannt. Irgendwann werden mit der Erdölknappheit die Kunststoffe recycelt werden, aber bis jetzt hat man den wirtschaftlichen Anreiz noch nicht. So werden die Kunststoffe vor allem „thermisch“ verwertet, wie man so schön sagt.
  • BHI: Eine Trennmühle, die Kunststoff vom Biomüll unterscheiden kann … Wie kommt man auf diese Idee?
    BHI: Eine Trennmühle, die Kunststoff vom Biomüll unterscheiden kann … Wie kommt man auf diese Idee?
    Wackerbauer: Die Firma meines Großvaters war ein Mühlenbaubetrieb. Mit Mühlen und Zerkleinerungstechnik beschäftigen wir uns durch diese Tradition auch heute noch sehr viel. Und die Idee der Trennmühle? Bis in die 1990er Jahre gab es noch den „Saukübel“, dann kam das Fütterungsverbot. Man hat von da ab nicht mehr die Schweine mit dem Anfall gefüttert, sondern den Biogasreaktor. Das war die Zeit, als wir angefangen haben, dafür Hammermühlen zu bauen, allerdings noch in einem ganz geringen Umfang.
  • BHI: Hammermühlen …?
    Wackerbauer: Die Hammermühle ist die Grundidee hinter der Trennmühle. Da gibt es einen Rotor. An dem sind Hämmer aufgehängt, die beim Drehen nach außen geschleudert werden. Das Ganze befindet sich in einer Siebtrommel. Im Laufe der Zeit wurde die Verpackung immer mehr zum Thema, und so kamen die Kunden auf uns zu mit dem Problem: „Wir haben immer soviel Plastik in der Biosuppe“. Mein Vater und mein Bruder haben sich dazu Gedanken gemacht. Und dann haben wir dann einfach ausprobiert. Heute exportieren wir die Trennmühle sogar ins Ausland.
  • BHI: Wie lange dauert es denn, bis man so etwas auf den Markt bringen kann?
    Wackerbauer: Nicht lange … der Kunde lässt einem nicht lange Zeit.
  • BHI: Das heißt, da ist „Druck“ angesagt.
    Wackerbauer: Ja, und das ist auch unsere Stärke. Eine Erfindung geht bei uns nicht den klassischen Weg. Wir denken nach und dann gehts ganz schnell in die Werkstatt, und dort wird ausprobiert.
  • BHI: Ich nehme an, mit dieser Maschine stehen Sie alleine am Markt. Haben Sie sich diese Erfindung patentieren lassen?
    Wackerbauer: Da sind wir jetzt bei einem sehr unangenehmen Thema. In den letzten Wochen haben wir mit einer Kopie aus dem Ausland zu kämpfen. Das Problem betrifft bestimmt viele Mittelständler: Du hast eine Idee und weißt noch nicht, wo die Reise hin geht. Also denkt man hin und her: „Patent oder nicht?“ Das mit dem Export war für uns zu dem Zeitpunkt noch nicht relevant. Wir haben uns ein deutsches Gebrauchsmuster erworben. So, und jetzt sitzen wir da, mit unserem deutschen Gebrauchsmuster und kämpfen gegen Kopien aus dem Ausland.
  • BHI: Das ist, so nehme ich an, eine der unangenehmen Begleiterscheinungen der Globalisierung.
    Wackerbauer: Ganz genau. Stellen Sie sich vor: Wir wissen bei jeder Schraube, warum sie dort sitzt wo sie sitzt. Die langen Diskussionen, bis alle Probleme gelöst waren, im Betrieb, in der Familie. Und dann stehen Sie eines Tages vor der Kopie. Am meisten ärgert mich die Dreistigkeit. Die Kopien stammen nämlich ausgerechnet von einem Kunden, der sechs Maschinen bei uns gekauft hat, um sie zu zerlegen. Ab der Nummer sieben baut er die Trennmühle nun selbst.
  • BHI: Was würden Sie denn anderen Unternehmen in so einem Fall raten? Bei einer guten Idee gleich mal in die Tasche zu greifen, um ein Patent anzumelden?
    Wackerbauer: Was man da raten soll, weiß ich nicht. Innerhalb Deutschlands hätten wir kein Problem aber im Export sind wir praktisch machtlos. Ob uns ein Patent wirklich helfen würde, weiß ich nicht, dann gäbe es vielleicht bald ein billiges Plagiat aus China. Vielleicht muss sich im Erfinderwesen etwas ändern oder die Politik muss handeln. Ich nutze jetzt einfach aus, dass der Markt von Biogasanlagen ein sehr kleiner ist. Auf meinen Prospekten steht „das Original“. Im Ausland, das habe ich schon gemerkt, schätzt man es, wenn eine Maschine in einem deutschen Familienbetrieb hergestellt wird. Man fürchtet zwar, dass man als kleiner Betrieb einen schlechteren Service bietet, aber da kann man gut argumentieren. Ein Plus ist bei uns, dass wir Standardteile einbauen, die man am Weltmarkt bekommt … und dass es unsere Firma schon seit 1938 gibt. Das hat Wirkung.
  • BHI: Das ist nun Ihre Chance.
    Wackerbauer: Genau. Was uns auch zugute kommt: Wir haben seit 11 Jahren Erfahrungen mit dem Bau eines Helikopterhub- und Transportgeräts. Übrigens ein super Gerät zur Ausbildung unserer Maschinenbau-Lehrlinge, denn an diesem Gerät können Sie von vorne bis hinten das gesamte Berufsfeld des Feinmechanikers erleben. Durch Unterstützung von Eurocopter konnten wir mit dem Helilifter langsam in den Export einsteigen, heute sind davon weltweit schon 150 Stück unterwegs.
  • BHI: Der Auslandsmarkt bleibt trotz Enttäuschung ein Thema?
    Wackerbauer: Der Auslandsmarkt bringt uns auch einen Nutzen. Wir waren mit einer Maschine auf unserer ersten Auslandsmesse in Birmingham. Das ist für uns eine neue Herausforderung und daraus ergeben sich auch neue Schritte. Und wir machen gerade mit den Mitarbeitern ein innerbetriebliches Englischtraining. Das macht Spaß. In die anderen Sachen wächst man rein. Ein Beispiel: Zurzeit haben wir eine Zusammenarbeit mit einem italienischen Unternehmen. Wir haben die Anfrage erhalten, haben uns gesagt: „Hoppala, das können wir alleine nicht“ und uns Hilfe geholt. Über Berater der Handwerkskammer haben wir jetzt auch einen Kontakt zu einem Anwalt mit einer Niederlassung in Italien.
  • BHI: Wie hat die Sache mit dem Export begonnen?
    Wackerbauer: Angefangen hats mit den grenznahen Gebieten Ostbayerns. Dann gings weiter, als unsere Kunden Tochterfirmen im Ausland gegründet haben. Heute haben wir fast die Hälfte der Aufträge im Ausland.
  • BHI: Was ist ihre schönste Erfahrung in Ihrer Arbeit?
    Wackerbauer: Mir gefällt es, dass der unaussprechliche Name „Wackerbauer“ im Ausland als Markenzeichen erlebt wird, und irgendwann merken die Leute: „Hoppala, das ist ja gar kein brand, die heißt ja wirklich so“.
    Das Interview führte Maria Weininger, Bayern Handwerk International