Erfolg hat, wer vor Ort ist - Russland-Panel beim Ost-West-Forum

Erfolg hat, wer vor Ort ist - Russland-Panel beim Ost-West-Forum

Regensburg (17.11.2015) - Auf wenig Verständnis stösst die Sanktionspolitik gegenüber Russland bei den bayerischen Unternehmen. So zumindest der Eindruck beim Ost-West-Forum. Ein Hinderungsgrund, sich in Russland zu betätigen sind sie jedoch nicht - im Gegenteil. Das war der Tenor der Experten im Länderpanel Belarus und Russland.

Wie ein "Jungbrunnen" sei es für ihn, schwärmte Carl-Hanns Friedrich über das Engagement seines Unternehmens in Weißrussland. Der Geschäftsführer und Inhaber der DE REM Lacke Farben GmbH aus Selbitz ist vor allem von den jungen Menschen in Belarus begeistert. Diese lernten aus eigenem Antrieb, seien motiviert und gäben Ideen und Denkanstöße.

Friedrich ist einer von zwei Unternehmern, welche die Teilnehmer des Länderpanels an ihren "best pratice" Erfahrungen teilhaben ließen. Feine Leute habe er dort kennengelernt, lobte er die Mentalität der Menschen in Belarus. Ein Engagement sei auch deshalb sinnvoll, weil das Land dank der Zollunion mit Russland und Kasachstan eine ideale Brücke in den Osten ist.

Und da deutsche Produkte und deutsches Know-How in Weißrussland sehr angesehen sind, könne es sich lohnen, in dem Land zu produzieren. Man solle "neue Märkte mit Qualität erfüllen" forderte Friedrich die Teilnehmer auf. Auch Michael Stadler, Geschäftsführer der Wolf System GmbH aus Osterhofen ist vom Standort Belarus angetan. Hier - wie auch in Russland - ist sein Unternehmen erfolgreich tätig. Vom Fachkräfte-Potential ist er nicht ganz so überzeugt wie Friedrich, aber auch er unterstrich die Lernbereitschaft der jungen Menschen dort und sagte, es sei erfreulich, wie die Jugend dort regelrecht aufblühe. Jedoch würde es etwa in der Baubranche an ausgebildeten Fachkräften fehlen, zumal hier ein Großteil in staatlicher Hand sei. Bei privaten Firmen sehe es schon besser aus.

Belarus als Eingangstor zur Zollunion

Auch Stadler betonte als besonderen Vorteil eines Engagements im kleinen Belarus die Freihandelszone mit Russland und Kasachstan. Die weißrussische Firma hat das Unternehmen Wolf System von Lettland aus gegründet, das beste Beziehungen nach Belarus habe und daher ein idealer Ausgangsort dafür sei. Jedoch gab Stadler auch zu bedenken, dass es sich bei Weißrussland um eine Planwirtschaft handele. Dies könne durchaus zu Schwierigkeiten führen, etwa wenn für ein halbes Jahr kein Beton zu bekommen sei, weil im Plan nicht vorgesehen.

Ein weiterer Nachteil sei die relativ schwache Kaufkraft im Land, weshalb ein lokaler Markt kaum vorhanden ist, sagte Uwe Bierfreund. Der Prokurist der Rhenus Revival GmbH war als Experte für die Themen Zoll und Sanktionen geladen. Jedoch erwarte die Unternehmer in Weißrussland ein hohes, technisches Niveau.

Jetzt nach Russland gehen

Russland geht es derzeit schlecht, doch daran sind in erster Linie nicht die Sanktionen schuld, sondern eine Rezession, wie Jens Böhlmann von der AHK Russland unterstrich. Jedoch sieht er darin keinen Grund, Russland links liegen zu lassen. "Gehen Sie dorthin", ermunterte er die Unternehmer: "Erfolg hat, wer vor Ort ist." Überall in Russland seien deutsche Firmen ansässig. 6.000 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung gibt es im Land, die Deutschen sind die größte internationale Kaufmannschaft in Russland mit einem Umsatz von 40 Milliarden Euro.

Ein großes Problem sieht Böhlmann in den starken Schwankungen des Rubelkurses, der direkt vom Erdölpreis abhängig ist und daher gerade wieder stark unter Druck. Wie soll man bei solch einer Volatilität sinnvoll Preisspannen festlegen können? Als Folge gäben Banken kurzfristige Kredite mit 25 Prozent Zinsen aus. Hier würden inzwischen deutsche Unternehmen ihre russischen Partner mit kreditieren. So schlecht wie seit zehn Jahren nicht mehr ist jedoch derzeit das Geschäftsklima in Russland. 

Doch "irgendwann gehen Krisen vorbei", so Böhlmann. Und trotz aller Probleme habe sich in Russland in den letzten Jahren vieles zum Positiven gewandelt. Es gäbe verbesserte Investitionsbedingungen und transparente Steuerverfahren. Auch das Zivilrecht in Russland sei gut. Noch deutlicher wurde Unternehmer Stadler in diesem Zusammenhang: "In Russland gibt es mehr Rechtsstaat als in Italien", sagte er.

Fallen die Sanktionen?

Im Panel wurde deutlich, so manches Vorurteil gegenüber Russland ist kaum zu halten. "Glauben Sie nicht alles", forderte denn auch Böhlmann. Wer interessiert sei, solle vielmehr Unternehmen und Berater fragen, die tatsächlich vor Ort sind, um ein realistisches Bild zu erhalten.

Womit das Land noch immer zu kämpfen habe, ist der hohe Staatsanteil, findet Böhlmann. Und Russland leidet unter Fachkräftemangel. Zwar gebe es gut ausgebildete Akademiker, aber "die schweißen nun mal nicht selber." Es fehle dem Land vor allem auch eine industrielle Mittelschicht. Man spürt offenbar auch in Russland noch immer die Folgen jahrzehntelanger Planwirtschaft, vieles sei zu bürokratisch und dirigistisch.

Auf großes Interesse stieß erwartungsgemäß das Thema Sanktionen. "Wir machen hier alles falsch", fand Unternehmer Stadler und fasste damit wohl die Meinung der meisten Anwesenden zusammen. "Wir müssen Putin umarmen, nicht an den Rand drängen", forderte er. Positive Signale für ein Ende der Sanktionen auf beiden Seiten, sieht Böhlmann. Jedoch hätten diese 2016 wahrscheinlich noch Bestand. Aber die Haltung des Westens zum Thema Sanktionen sei längst nicht so einig, wie man vielleicht vermuten könne. "Es gibt Länder in der Union, die das mit den Sanktionen ganz anders sehen als wir", erläuterte Böhlmann. Das hörten die Anwesenden gern, denn auch bei den Unternehmern treffen die Sanktionen auf keine Gegenliebe.

Interessante - beim Forum angesprochene - Links zu Russland:
www.regionen-russland.de (in deutscher Sprache)
www.indparks.ru (in russischer und englischer Sprache) Industrieparks in Russland
www.russez.ru (in russischer und englischer Sprache) Sonderwirtschaftszonen in Russland:
www.gisip.ru (in russischer Sprache) Geoinformationssystem weist russlandweit den Weg zu Industrieparks, Technoparks und Clustern.

Christian Rechholz