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Indien – Durchhaltevermögen zahlt sich aus

Indien – Durchhaltevermögen zahlt sich aus

Regensburg (7.1.2015) - Indien ist ein interessanter Markt, wenn auch mit Widrigkeiten. Weshalb sich Investitionen dennoch lohnen, erklärt Dirk Matter, Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer in Düsseldorf, im Interview. Die IHK Regensburg bietet am 18. März ein kostenloses Seminar zu Indien.

Bei einer jüngst durchgeführten Studie unter den Mitgliedsunternehmen der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim belegt Indien Platz fünf bei den interessantesten neuen Märkten. Doch Handelshemmnisse, Infrastrukturprobleme und Unsicherheit bei der Auswahl von Handelspartnern hindern die ostbayerischen Unternehmen an einem Engagement. Der Indien-Experte Dirk Matter erklärt, warum sich eine Investition trotzdem lohnt. Beim kostenlosen Seminar am 18. März 2015 gibt er Tipps für erfolgreiche deutsch-indische Geschäftsbeziehungen.

Seit Mitte 2014 ist die Regierung von Premierminister Narendra Modi im Amt. Die Erwartungen der Wirtschaft waren groß. Zu Recht?
Vor der Wahl in Indien im Mai 2014 war die Politik in einen Zustand der Lähmung eingetreten bedingt durch eine zerstrittene große Koalition mit 15 (!) Parteien und zahlreiche Skandale. Nach dem großen Wahlsieg des jetzigen Premierministers Modi verfügt die Allianz unter der Führung der BJP über die absolute Mehrheit im Parlament. Seit über 20 Jahren hat es keine „Einparteienregierung“ mehr in Indien gegeben, d.h. die neue Regierung kann sich den wichtigen Zukunftsthemen widmen ohne sich in zwischenparteilichen Querelen aufzureiben.
Die letzten 2 Jahre waren durch eine Stagnation in der indischen Industrie gekennzeichnet, insofern sind die Erwartungen an die neue Regierung sehr hoch. Die Wiederbelebung der einheimischen Industrie hat für den indischen Premierminister die höchste Priorität, nur wenige Monate nach dem Wahlsieg startete er persönlich die Kampagne „Make in India“. Im Rahmen dieses Programms soll die einheimische Industrie gezielt gefördert werden und ausländische Investitionen erleichtert werden.
Ein Bündel von Maßnahmen wurde schon umgesetzt oder in Angriff genommen: Abschaffung der Subventionen für Diesel, Anhebung der Investitionsobergrenzen im Bereich Versicherungen, Medien, Rüstungsindustrie und E-Commerce, mehr Transparenz durch E-Governance. Für die Einführung der lange erwarteten Reform (GST) der indirekten Steuern und der Mehrwertsteuer wurde nun der 1. April 2016 genannt.
Eine erste leichte Belebung der wirtschaftlichen Situation konnte im letzten Quartal schon beobachtet werden.

In unserem IHK-Bezirk haben ca. 100 Unternehmen die Absicht, Geschäftsbeziehungen mit Indien aufzubauen. Was raten Sie diesen Unternehmen?
Indien ist ohne Zweifel kein einfacher Markt, die Vertriebsstrukturen sind meist intransparent, der Markt ist extrem preissensibel und die chinesische Konkurrenz ist sehr aggressiv unterwegs.
Trotzdem lohnt es sich auf jeden Fall sich intensiv mit diesem riesigen Markt zu beschäftigen. Indien wird in wenigen Jahren das bevölkerungsreichste Land der Erde sein, die Wachstumsraten in der letzten Dekade lagen weit über dem weltweiten Durchschnitt.
Streng genommen, ist Indien für deutsche Unternehmen heute kein „exotischer“ Markt mehr, fast 1000 Firmen sind mit einer Produktion und über 1500 Firmen mit einer Handelsvertretung in Indien aktiv. Die Profitabilität der deutschen Investitionen in Indien liegt sehr gut, viele Firmen erreichen eine Nettoumsatzrendite von 10-15 %.
Gute Vorbereitung und Geduld sind die Erfolgsschlüssel für den indischen Subkontinent. Viele Erfolgsstories beweisen, dass sich das Durchhaltevermögen letztlich auszahlt.

Große Chancen bestehen für das verarbeitende Gewerbe und den Bausektor. Wie können ostbayerische Unternehmen Kontakte zu indischen Geschäftspartnern knüpfen?
Indische Unternehmer sind sehr misstrauisch, sie halten deutsche Produkte für überteuert und haben Zweifel, ob sich unsere Produkte unter indischen Bedingungen bewähren. Andererseits hat das „Made in Germany“ weiterhin einen hohen Stellenwert in Indien.
Der Erstkontakt ist manchmal schwer herzustellen, hier hilft die Deutsch-Indische Handelskammer mit einer Geschäftspartnersuche oder dem Aufbau einer lokalen Vertretung. Ohne eine Vertrauensperson vor Ort ist der Vertriebsaufbau sehr schwierig.
Kooperationsbörsen im Rahmen von Delegationsreisen sind ein weiteres probates Mittel zur Kontaktaufnahme. Nicht zu vergessen sind natürlich die Messeveranstaltungen in Indien. Viele deutsche Messegesellschaften, wie z.B. Nürnberg und München „exportieren“ ihre Leitmessen nach Indien, dies ist auch dringend erforderlich, da der indische Messemarkt noch immer unterentwickelt ist.
Durch Know-How Transfer wird sichergestellt, dass die neuen Messen in Indien den internationalen Standards entsprechen. Für das Baugewerbe sind die BC India und auch die ACREX/Fensterbau/Frontale zu empfehlen.

Bald soll das Handels- und Investitionsabkommen BTIA zwischen der EU und Indien kommen. Was wird dann anders?
Die Verhandlungen zwischen der EU und Indien begannen bereits 2007, trotz zahlreicher Verhandlungsrunden konnten bisher nicht alle Streitpunkte ausgeräumt werden. Die Deutschen wünschen sich u.a. eine Senkung der sehr hohen Importzölle für PKW (Über 100%) und die Franzosen sind über die hohen Einfuhrabgaben für Wein unglücklich, weiterhin soll der Zugang für ausländische Versicherungen verbessert werden. Andererseits haben natürlich auch die indischen Verhandlungsführer Forderungen, wie z.B. den erleichterten Zugang von IT Ingenieure für Kurzzeiteinsätze bei europäischen Kunden. Von den relativ hohen Gesamtzöllen sollte sich niemand abschrecken lassen. Der Gesamtzoll setzt sich aus 4 verschiedenen Komponenten zusammen, teilweise können sich Industrieunternehmen, die Kapitalgüter importieren, gewisse Abgaben anrechnen lassen. Bei Maschinenbauprodukten liegt der Gesamtzoll bei ca. 28%, der Basiszoll aber nur bei 7,5%. Bei den Verhandlungen mit der EU wird nur über den Basiszoll verhandelt, nicht über die sonstigen indirekten Steuern in Indien! Selbstverständlich wäre es sehr zu begrüßen, wenn das BTIA erfolgreich abgeschlossen würde, aber Wunder sollte man von diesem Abkommen nicht erwarten.

Sie sind seit über 20 Jahren Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer in Düsseldorf. Was fasziniert Sie an Indien?
Der Umgang mit Indien wird nie langweilig, das Land und die Menschen sind faszinierend, bunt und voller Überraschungen, nicht umsonst lautet der Slogan der indischen Tourismusbehörde: „Incredible India!“ Diese Formulierung beinhaltet auch eine charmante Doppeldeutigkeit, Indien kann „unglaublich“ toll, aber auch „unglaublich“ frustrierend sein. Seit mehr als 20 Jahren berate und unterstütze ich deutsche Firmen bei ihrem Weg durch den Dschungel an rechtlichen und steuerlichen Vorschriften. Häufige Änderungen von gesetzlichen Vorgaben stellen stets eine Herausforderung dar. Deutsche Firmen benötigen auch Hilfe beim Verständnis für die andersartige Kultur und für die indische Geschäftsmentalität.
Die englische Sprache ermöglicht den direkten Zugang zu indischen Geschäftspartnern, mit etwas Geduld und Toleranz kann man Freunde fürs Leben gewinnen.

Das Gespräch führte Eva Theobald.

(Quelle: IHK Regensburg)