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Drei Staaten, eine Region: Marienbader Gespräche

Drei Staaten, eine Region: Marienbader Gespräche

Marienbad (21.11.2011) - Es geht in großen Schritten vorwärts bei der Zusammenarbeit im Grenzraum. Das war bei den vierten Marienbader Gesprächen, organisiert von der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, deutlich zu spüren.

 

Ein halbes Jahr vor der offiziellen Gründung der Europaregion Donau-Moldau vertieften rund 150 Behördenvertreter und Unternehmer aus Ostbayern, Tschechien und Österreich ihre Beziehungen.
„Hier sitzt die geballte Kompetenz aus dem Grenzraum“, begrüßte Organisator Ludwig Rechenmacher, Leiter der Handwerkskammer-Abteilung Außenwirtschaft, am Donnerstag die Teilnehmer im prächtigen Saal des Gesellschaftshauses „Casino“ im tschechischen Marienbad. Nun gelte es, die bereits bestehenden Projekte und Initiativen im Grenzraum zu bündeln und unter das Dach der Europaregion zu stellen.
 
Gleichzeitig betonte Rechenmacher, „dass wir uns alle noch auf Jahre hinaus in einer Pilotphase befinden“. Gerade für Unternehmer würden beim Arbeiten über die Grenzen noch zu viele Hürden bestehen. „Es gibt weiterhin Regelungen, die für Firmen undurchschaubar sind, und es gibt Regelungen, die entschärft werden müssen“, forderte Rechenmacher. Entscheidend sei dabei, dass Behörden und Institutionen auf allen drei Seiten der Grenze miteinander sprechen. Auf bayerisch-österreichischer Seite sei es so beispielsweise gelungen, Unternehmern eine Checkliste für Baustellenüberprüfungen im jeweilig anderen Land zur Verfügung zu stellen. „Bei allen Problemen bin ich zuversichtlich, dass die Hemmnisse Schritt für Schritt abgebaut werden“, sagte Rechenmacher.
Hilfreich könnte auch dabei eine noch intensivere Vernetzung unter dem Dach der Europaregion Donau-Moldau sein. Der offizielle Start steht nun kurz bevor: Im ersten Halbjahr 2012 soll die Europaregion zunächst in Form einer Arbeitsgemeinschaft formal gegründet werden. Unter dem Dach einer koordinierenden politischen Ebene werden in verschiedenen Arbeitskreisen Experten mit grenzübergreifender Erfahrung praxisnahe Lösungen für die anstehenden Fragen erarbeiten. „Wir wollen eine schlagkräftige, effektive, aber dennoch schlanke Struktur“, sagte Dr. Günther Knötig, der das Projekt Europaregion auf österreichischer Seite koordiniert.
 
Eingehende Analysen haben ergeben, dass sich als gemeinsame Zukunftsfelder unter anderem die Themen „grenzübergreifende Berufsbildung“ und „Hemmnisabbau“, aber auch „Erneuerbare Energien“, „Forschungsraum“ und Tourismus eignen. Ziel sei es, weitere trilaterale Netzwerke zwischen allen drei Ländern im Grenzraum zu schaffen. Dabei könnten einzelne Regionen die Federführung über bestimmte Fachbereiche übernehmen. Keinesfalls sollten bestehende regionale Initiativen für die Europaregion aufgegeben werden, betonte Knötig. „Wir brauchen eine Multi-Level-Organisation.“ Man müsse bestehende Projekte aufgreifen, sie auf die Europaregion übertragen und ihnen dadurch einen Mehrwert geben.
 
Bewegt hat den Grenzraum in diesem Jahr auch die komplette Öffnung des Arbeitsmarkts für tschechische Kräfte im Mai. Der Ansturm auf bayerische Betriebe blieb jedoch aus, wie die Teilnehmer der Marienbader Gespräche übereinstimmend berichteten. Mit 10 000 tschechischen Bewerbern hatte man gerechnet, die Arbeitsagenturen meldeten bisher jedoch lediglich 2000 Beratungsgespräche.
Um einen gemeinsamen Arbeitsmarkt aufzubauen, setzen die Kammern im Grenzraum vor allem auf die Jugend. Etliche Austauschprogramme von Lehrlingen und Schülern sind in den letzten Jahren ins Leben gerufen worden. Ein ganz besonders erfolgreiches Ergebnis eines solchen Austauschs präsentierte die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz bei den Marienbader Gesprächen. Zehn Berufsschüler aus Pilsen hatten an einem Kurs in Befestigungstechnik an der Handwerkskammer in Regensburg teilgenommen und sehr gut abgeschnitten. In Marienbad erhielten die jungen Männer ihre Zertifikate – die sowohl in Tschechien als auch in Deutschland anerkannt sind.
 
Solche Erfolge soll es im Grenzraum in Zukunft noch häufiger geben. Die Spitze der Handwerkskammer zeigte sich dabei zum Abschluss der Marienbader Gespräche zuversichtlich. „Europa ist gestolpert“, sagte Hauptgeschäftsführer Toni Hinterdobler. „Doch diese Veranstaltung zeigt, dass Europa nicht aufzuhalten ist.“ Oder, wie Präsident Franz Prebeck es ausdrückte: „Bei den Marienbader Gesprächen spürt man: Wir sind drei Staaten, aber eine Region.“
 
(Foto: Thümling/Bildunterschrift: Eine Reihe von Themen wurden in den Arbeitskreisen kontrovers diskutiert,)