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Wirtschaftstag Mexiko: Langer Atem notwendig

Wirtschaftstag Mexiko: Langer Atem notwendig

München (08. November 2004)

Mexiko ist ein Zukunftsmarkt und bietet als Brückenstaat zwischen Nord- und Südamerika auch kleinen und mittleren Unternehmern gute Perspektiven für eine Markterschließung. Das machte der Wirtschaftstag „NAFTA – Strategische Markterschließung über Mexiko“ am 03. November deutlich, zu dem über 70 Teilnehmer sowie eine 20-köpfige Delegation aus dem mexikanischen Bundesstaat Jalisco unter Führung seiner Exzellenz José Ramon Robledo Gomez, Wirtschaftsminister von Jalisco (Bild: Gomez beim Eintrag ins IHK-Gästebuch mit Ministerialrat Georg Reichl links und Helgo Alberts, Geschäftsführer IHK International) in die Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern gekommen waren. Der Wirtschaftstag fand unter Federführung der Industrie- und Handelskammer  München und dem Außenwirtschaftszentrum Bayern (AWZ) statt und bot neben Fachvorträgen auch Workshops und Diskussionsrunden.

Den Auftakt der eintägigen Veranstaltung machte der Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK), Dr. Reinhard Dörfler, der die Eckdaten der mexikanischen Wirtschaft präsentierte: Nach seinen Worten ist Mexiko die zehnte größte Volkswirtschaft der Welt, dessen Bruttoinlandsprodukt um 3,7 Prozent im ersten Halbjahr 2004 gestiegen ist. Da in den USA Zinsen steigen und Neuinvestitionen rückläufig seien, stehe ein Abschwung bevor. Leider: Mexiko hänge stark am Tropf der US-Konjunktur. Außerdem sei die Schattenwirtschaft weit verbreitet, denn immerhin zahle ein Viertel der Bevölkerung keine Steuern! Der Außenhandel Mexikos beträgt insgesamt 335 Mrd. US$ und ist damit größer als der Brasiliens und Argentiniens zusammen. Durch die Freihandelszone mit der EU werden ab 2007 fast alle Handelshemmnisse mit EU abgebaut.

Gute Beziehungen Bayerns zu Mexiko

Als sehr gut bezeichnete bezeichnete Georg Reichl, Ministerialrat im bayerischen Wirtschaftsministerium StMWIVT, die wirtschaftlichen Beziehungen Bayerns zu Mexiko. Wichtige in Mexiko tätige bayerische Unternehmen: Siemens, BMW, einige Klein- und Mittelständler wie etwa Burgmann Dichtungssysteme oder Ingenieurbüros aus dem Aschaffenburger Raum. „Mexiko ist für Bayerns der wichtigste Handelspartner in Lateinamerika, doch der Anteil am bayerischen Außenhandel ist bedauerlicherweise klein und liegt lediglich bei 1,2 Prozent des gesamten Außenhandels Bayerns.“ Als Beweis der Wichtigkeit und Nachhaltigkeit bayerischer Wirtschaftsbeziehungen mit Mexiko unterhält der Freistaat Bayern nach Angaben Reichls seit drei Jahren eine Repräsentanz vor Ort. Außerdem fördere der Freistaat Bayern Fortbildungsprogramme im Bereich Umwelttechnologie für Führungs- und Nachwuchskräfte. Fazit: Reichl sieht in den Beziehungen mit Mexiko vor allem großes Potenzial als Tor zur Freihandelszone NAFTA.

Der Wirtschaftsminister des mexikanischen Bundesstaates Jalisco, José Ramón Robledo Gómez, bestätigte diese Einschätzung und betonte in seinem Beitrag, dass Mexiko weit mehr zu bieten habe als Tequila, obwohl auch dieser nicht zu unterschätzen sei. Er schilderte die Entwicklung seines Bundesstaates zu einem modernen Industriestandort und Partner Bayerns und hob besonders die wachsende Wichtigkeit neuer Technologien hervor. Vor allem im Umweltbereich gebe es einen steigenden Anpassungsdruck an NAFTA-Standards. Hier sieht er neben Elektronik/Elektrotechnik eine der größten Wachstumsbranchen für die nächsten Jahre.

Bilanz nach zehn Jahren NAFTA

Eine Bilanz nach zehn Jahren NAFTA zog Dr. Karl-Dieter Hoffmann vom Zentralinstitut für Lateinamerika-Studien an der Universität Eichstätt, bei der er sich  mit der Frage beschäftigte, ob bestimmte Erwartungen erfüllt wurden und wie es weiter geht mit NAFTA. Ängste waren etwa ein Exodus im Grenzgebiet durch längere Arbeitszeiten sowie steigende Umweltprobleme, so Hoffmann. Durch den Beitritt Mexikos zur NAFTA seien die Durchschnittslöhne gesteigert worden. Hoffmanns Ergebnis: Durch die Steigerung des Exports gab es eine positive Entwicklung der Arbeitsplätze, eine Steigerung der Neuinvestitionen und makroökonomische Stabilität. Doch: Gegner des Beitritts prangern an, dass keine Verminderung der Armut eingetreten ist. Es herrschten größere Disparitäten im Land, die Arbeiter würden schlecht bezahlt. Aber: 2001 war der höchste Stand der wirtschaftlichen Entwicklung erreicht, seitdem werden vermehrt Arbeitsplätze nach Zentralamerika und China verlegt. Vor allem konnten Branchen, die schon vor dem Beitritt hoch entwickelt waren, vom Beitritt profitieren.

Ein Muss: Vor Ort sein!

„Deutsche müssen sich der mexikanischen Mentalität anpassen“, forderte die Leiterin der Investitions- und Markteintrittsberatung CAMEXA Servicios (Mexiko) in ihrem Vortrag. Ihren Worten zu Folge sind der Maschinen- und Anlagenbau aus Deutschland Schlüsselbranchen für die mexikanische Industrie. 94 Mrd. US$ der 162 Mrd. US$ Einfuhren aus Deutschland kämen alleine aus diesem Bereich. Erfolgsfaktoren für den Export nach Mexiko: „Die häufige Präsenz vor Ort, persönliche Kontakte sind entscheidend!“ Körperliche Präsenz sei zwar schwierig,  aber ein langer Atem und Engagement seien ein Muss, um auf dem Markt erfolgreich zu sein. Hintergrundkenntnisse über den Markt seien unerlässlich, um das Potenzial richtig einschätzen zu können. Außerdem müsse der Partner vor Ort sorgfältig ausgewählt werden. Der mexikanische Markt verlange nach Komplettlösungen wie Service, Finanzierung, Betrieb und Wartung. Zu beachten sei jedoch, dass trotz hoher Technikbegeisterung der Mexikaner auf einen Markteintritt mit Produkten aus der High-Technology mit hohem Erklärungsbedarf verzichtet werden sollte.

„Markthemmnisse sind vor allem die relativ schlechte Zahlungsmoral.“ Vertragsverhandlungen gestalteten sich als äußerst zeitintensiv, da Entscheidungen nur von oberster Stelle getroffen werden. Es fehlen aber  gut ausgebildete Facharbeiter, weshalb viele deutsche Unternehmen sich ihre Arbeiter selber ausbilden. Ein Standortvorteil von Mexiko sei nach Angaben von de los Santos die geostrategische Lage sowie flexible und leistungswillige Arbeiter. Das niedrige Lohnniveau und die positive Grundhaltung gegenüber deutschen Produkten und Technologien zeigt unter anderem der Aufbau von Automobilclustern. Bislang haben 835 deutsche Unternehmen in Mexiko investiert. Die Kapitalbeteiligung liegt bei ca. 1 Mrd. US $ an Investitionen pro Jahr.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Dr. Herfried Wöss, Rechtsanwalt aus Mexiko-Stadt, schilderte das mexikanische Rechtssystem als äußerst formlastig. Bei der Vertragsgestaltung mit mexikanischen Geschäftspartnern, betonte Wöss, empfehle sich daher unbedingt, das UN-Kaufrecht zugrunde zu legen und eine Schiedsgerichtsklausel zu vereinbaren. Die übliche Gesellschaftsform sei, ähnlich wie in den USA, eine AG oder Sociedad Anónima. Dafür benötige man ein Stammkapital von ca. 4.000 EUR, mindestens zwei Aktionäre, einen Vorstand und ein Aufsichtsorgan (z.B. Wirtschaftsprüfer). Die Eröffnung dauere ca. sechs Wochen, Ausländer benötigten ein Geschäftsvisum. Das mexikanische Arbeitsrecht erfordere, anders als das US-Recht, schriftliche Arbeitsverträge und sehe eine Gewinnbeteiligung für Arbeitnehmer vor.

Mexiko sei Weltmeister im Abschließen von Freihandelsabkommen, betonte Wöss. Seit 1994 Mitglied der NAFTA, unterhält das Land heute Freihandelsabkommen mit der EU, EFTA, ALADI, Israel und verschiedenen mittel- und südamerikanischen Staaten. Für deutsche Exporteure und Investoren seien vor allem Dreiecksgeschäfte attraktiv, um den nordamerikanischen Markt zu erobern, z.B. Importe von Komponenten und Technologie, Produktion in Mexiko und Export in die USA und Kanada. Um hier erfolgreich zu agieren, sollte man sich jedoch unbedingt mit den jeweiligen Ursprungsregeln vertraut machen.

Workshops und weitere Experten

Ausführliche Informationen über Projektabwicklung, Projekt – und Exportfinanzierung, Markteintritt, Firmengründung und Produktionsaufbau sowie interessante Erfahrungsberichte bereits in Mexiko tätiger Unternehmen werden den Teilnehmern in den Workshops geschildert. Podiumsteilnehmer dabei waren Hendrik Lühl von der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH, Heinz-Udo Oergel, Wamex S.A. De C.V., Pedro Philippsberg, Abteilungsdirektor der HypoVereisbank München sowie Dr. German Paul, Präsident der Deutsch-Mexikanischen Gesellschaft. Als Unternehmensvertreter berichten Dr. Gerhard Ammon, Ammon & Partner, Stefan Obser, Burgmann Industries, Hans Peter Klöck und Bernd Wallat, Firma Rational über Erfahrungen ihrer Unternehmen in Mexiko.

Fazit

Rüdiger Busch, Projektleiter im AWZ, resümiert:  „Der Wirtschaftstag war eine authentische Veranstaltung mit hohem Informationsgehalt für die Teilnehmer, aber auch für die Referenten und die Delegation.“