Südafrikas Stahlindustrie am Scheideweg

Südafrikas Stahlindustrie am Scheideweg

Johannesburg (30.09.2015) In Südafrika sieht sich die Stahlindustrie mit Massenentlassungen und Betriebsschließungen konfrontiert. Die Inlandsnachfrage schwächelt, Importe aus Fernost nehmen den Stahlkochern Marktanteile ab. Neue Einfuhrzölle und Local Content-Vorschriften sollen die Industrie retten. Ein Überleben dürfte aber nur gelingen, wenn zugleich in die Wettbewerbsfähigkeit und in Kostensenkungen investiert wird. Produzenten wie ArcelorMittal leiten bereits entsprechende Schritte ein.

 

Die südafrikanische Stahlindustrie steckt in einer tiefen Krise. "Uns droht ein regelrechtes Blutbad mit Arbeitsplatzabbau und Unternehmensschließungen", umschreibt der Vorsitzende des Branchenverbandes Steel and Engineering Industries Federation of Southern Africa (SEIFSA), Ufikile Khumalo, seine Befürchtungen. Industrieexperten schätzen, dass allein bis Jahresende 2015 rund 10.000 Jobs wegfallen könnten.

Zum einen leiden die Unternehmen unter der schwachen Inlandsnachfrage. Mit einem prognostizierten Wirtschaftswachstum von 2% für 2015 herrscht in Südafrika insgesamt nur schwache wirtschaftliche Dynamik. Auf der anderen Seite ist die gesamte Wertschöpfungskette von den Stahlwerken über die Distributoren bis zu den metallverarbeitenden Betrieben durch eine Welle steigender Importe betroffen, erklärte Paolo Trinchero vom Southern African Institute of Steel Construction.

Zu spüren bekommen dies insbesondere die drei großen Stahlhersteller der Kaprepublik. Marktführer ArcelorMittal mit einer Produktionskapazität von rund 5,5 Mio. t überlegt, Teile seiner Werke in Vereeniging und Vanderbijlpark zu schließen. Evraz Highveld Steel & Vanadium (1 Mio. t Erzeugungskapazität) musste bereits Insolvenz anmelden und den Betrieb des Werkes in Witbank vorübergehend stilllegen. Auch Scaw Metals (ebenfalls 1 Mio. t Kapazität) verkündete, dass rund 1.000 Stellen durch Arbeitsplatzabbau bedroht sind.

Mit zusammen 7,5 Mio. t verfügen die südafrikanischen Stahlproduzenten über deutliche Überkapazitäten. Die lokale Nachfrage ist bereits 2014 von 5,4 Mio. auf 4,9 Mio. t geschrumpft. Im Jahr 2015 könnten nach Einschätzung von Branchenkennern nur 4,8 Mio. t nachgefragt werden. Gleichzeitig überflutet importierter Stahl aus China die Kaprepublik, wodurch der Importanteil von 7% (2009) auf knapp 30% gestiegen ist. Rund 1,3 Mio. t Stahl aus Fernost dürften 2015 nach Südafrika geliefert werden.

Unternehmen wie Evraz beklagen infolgedessen einen massiven Nachfrageeinbruch von beispielsweise 70% bei Baustahl. Die Lager der großen südafrikanischen Stahlhändler wie etwa Macsteel oder Trident sind voll und Bestellungen bleiben aus. Die wirtschaftliche Abkühlung im Reich der Mitte sorgt dafür, dass die chinesische Stahlindustrie selbst mit Überkapazitäten belastet ist. Über 100 Mio. t Stahl sollen 2015 aus China verschifft werden, wovon mangels Einfuhrzöllen ein wachsender Anteil seinen Weg ans Kap findet. Dort wird chinesischer Stahl rund 12% unter den örtlichen Herstellungskosten angeboten.

Einfuhrzölle und verbindlicher Inlandsanteil für Stahl geplant

Um einen Aderlass bei den heimischen Herstellern zu verhindern, setzen Industrie und Regierung auf verstärkten Protektionismus. Die Einfuhrzölle für zahlreiche Stahlprodukte sollen von Null auf 10% steigen. Auch Anti-Dumping Zölle von bis zu 50% werden von den südafrikanischen Erzeugern beantragt. Zusätzlich sollen verbindliche Local Content-Vorschriften dafür sorgen, dass bei öffentlichen Ausschreibungen, etwa für Infrastrukturprojekte, die Verwendung lokal produzierten Stahls vorgeschrieben wird.

Ob die getroffenen Maßnahmen allein den Niedergang der Industrie aufhalten können, wird teilweise mit Skepsis betrachtet. Der angesehene ehemalige Finanzminister Trevor Manuel bezeichnete Zollerhöhungen denn auch als zweischneidiges Schwert. "Der Fokus sollte stattdessen verstärkt auf die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit gelegt werden", so Manuel auf einer Konferenz in Johannesburg.

Industrieexperten beschreiben die Anlagen in südafrikanischen Stahlwerken als veraltet und ineffizient. Eine Verdopplung der Strompreise seit 2009 lässt die Kosten gewaltig steigen. Auch die Industrie erkennt, dass Investitionen zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit dringend erforderlich sind. ArcelorMittal will in den kommenden fünf Jahren rund 4,5 Mrd. Rand (R; rund 297 Mio. Euro; 1 R = circa 0,07 Euro) in die Modernisierung der Anlagen stecken. Die durchschnittlichen Produktionskosten sollen von derzeit 450 US$ pro Tonne warmgewalzter Coils auf 400 US$ gesenkt werden.

Zu den geplanten Maßnahmen zählt die etwa 1,1 Mrd. R teure Neuzustellung des Werkes in Saldanha Bay. In den vergangenen Jahren flossen bereits 1,8 Mrd. R in die Neuzustellung des Hochofens in Newcastle. Auch von den neuen Steueranreizen zur Erhöhung der Energieeffizienz will der Konzern verstärkten Gebrauch machen. Nach der 12L Tax Incentive werden für die Senkung des Energieverbrauchs Sonderabschreibungen gewährt.

Der Handlungsdruck dürfte sich noch weiter erhöhen, wenn wie geplant ab 2016 eine CO2-Steuer von 120 R pro Tonne ausgestoßenen Kohlendioxids erhoben wird. Zwar ist für Unternehmen eine Befreiung für mindestens 60% der Ausstoßmenge vorgesehen, die für die Stahlindustrie auf 80% erhöht werden kann. Mit einer jährlichen CO2-Produktion von über 14 Mio. t droht für ArcelorMittal dennoch eine hohe Belastung, die Ausgaben für die Senkung des Energieverbrauchs attraktiv macht. Das eigene 40 MW Kraftwerk in Vanderbijlpark soll deshalb mit einem effizienteren Dampferzeuger ausgestattet werden, der zusätzlich die Leistung um 12 MW steigert.

Neben der Reduzierung des Energieverbrauchs steht auch der Ausbau der unternehmenseigenen Stromerzeugung auf der Agenda. Bis zur Jahresmitte 2015 kam es in Südafrika wegen akuten Strommangels bereits an 99 Tagen zu systematischen Abschaltungen ganzer Gebiete (Load Shedding). Jede Stunde Load Shedding kostet ArcelorMittal rund 1,5 Mio. R. In Saldanha Bay könnte deshalb ein 800-MW-Gaskraftwerk entstehen.

Auch das Unternehmen Safal Steel hat Modernisierungen in Höhe von 300 Mio. R angekündigt. Evraz Highveld Steel & Vanadium sucht nach neuen Investoren für eine Finanzspritze. Insbesondere ArcelorMittal betont jedoch, dass für die geplanten Maßnahmen mit der Regierung eine Einigung über die künftige Preisgestaltung erforderlich ist.

Neues Stahlwerk mit chinesischer Beteiligung

Während die bestehenden Stahlunternehmen um das Überleben kämpfen, plant die staatliche Finanzierungs- und Fördergesellschaft Industrial Development Agency (IDC) zusammen mit der chinesischen Hebei Iron and Steel eine Großinvestition in der Limpopo Provinz. Die Realisierung soll in zwei Phasen erfolgen, wodurch die Kapazität von zunächst 3 Mio. t pro Jahr auf insgesamt 5 Mio. t gesteigert werden kann. Die Baukosten werden mit insgesamt 4,5 Mrd. US$ veranschlagt (1. Phase 2,8 Mrd. US$). Zwar stünde über die IDC und die chinesische Beteiligung eine Finanzierung für das Vorhaben bereit, der ursprünglich für 2015 vorgesehene Baustart dürfte sich aber wegen der derzeitigen Krise des Sektors um einige Jahre verschieben.

Die geplante Kapazität von 5 Mio. t würde die gesamte derzeitige Inlandsnachfrage decken. Die Planer der IDC zeigen sich jedoch hinsichtlich der künftigen Nachfrageentwicklung optimistisch und erwarten bis 2030 einen Anstieg des inländischen Stahlverbrauchs auf 14 Mio. t pro Jahr. Zudem soll das neue Stahlwerk die Exportmärkte auf dem afrikanischen Kontinent ins Visier nehmen.

Neben dem Joint Venture aus IDC und Hebei Iron and Steel will auch das in London gelistete Unternehmen Ironveld in Südafrika aktiv werden. Vorgesehen ist eine 938 Mio. US$ teure Produktionsstätte für 1 Mio. t Roheisen, deren Bau 2017 beginnen soll. Ironveld verfügt über hochgradige Eisenerzvorkommen (99,5% High Purity Iron) im nördlichen Bushveld Komplex (Limpopo). Pro Jahr sollen 2,4 Mio. t gefördert und zum Betrieb der Anlage eingesetzt werden. Als erster Schritt ist bis 2016 eine etwa 60 Mio. US$ teure Pilotanlage geplant, die zunächst 42.000 t Roheisen pro Jahr liefern soll.

Ansprechpartner: Heiko Stumpf afrikanahost@gtai.de

 

(Quelle: gtai)