Afrika am Scheideweg

Afrika am Scheideweg

Abuja (22.02.2016)„Die Menschen in ganz Afrika brauchen eine Perspektive, auch die kommenden Generationen“, sagte Bundespräsident Joachim Gauck vergangene Woche während seines Besuchs in Nigeria. Viele Flüchtlinge, die in den letzten Monaten nach Europa gekommen sind, stammen aus Afrika. Ohne positive Aussichten in den Heimatländern wird die Zahl der Menschen auf der Flucht nicht abnehmen – zumal sich die Einwohnerzahl des Kontinents bis 2050 auf zwei Milliarden verdoppeln wird. Um Arbeitsplätze für die Menschen dort zu schaffen, müssen sich afrikanische Volkswirtschaften noch viel stärker als bisher entwickeln, diversifizieren und industrialisieren.

Afrika gilt seit Jahrzehnten als Chancenkontinent. Rohstoff- und Bevölkerungsreichtum sowie großer Nachholbedarf im Bereich Infrastruktur bieten ohne Frage enorme wirtschaftliche Potenziale – auch für deutsche Unternehmen. Deutsche Exporte auf den afrikanischen Kontinent sind in den vergangenen zehn Jahren um knapp 60 Prozent gestiegen. Zahlreiche Projekte im Bereich Infrastruktur sowie die wachsende konsumfreudige Mittelschicht eröffneten neue Absatzmöglichkeiten für deutsche Produkte und Dienstleistungen. Aktuell sind jedoch Wachstum und in der Folge Investitionen ins Stocken geraten.

Leere Kassen durch niedrige Rohstoffpreise

Etlichen Ländern in Afrika hat ihr Rohstoffreichtum über Jahre hohe Wachstumsraten beschert und die Staatskassen gefüllt. Die derzeit sehr niedrigen Rohstoffpreise treffen sie daher empfindlich. Vor allem der tiefe Erdölpreis wirkt sich auf Staatshaushalte in Angola, Nigeria und anderen erdölexportierenden Staaten negativ aus. Denn Erdöl allein macht knapp 50 Prozent aller afrikanischen Exporte aus. Vergeblich haben die Staaten Afrikas die „Organization of Petroleum Exporting Countries“ (OPEC) gebeten, die Förderquoten zu senken. Angola und Nigeria haben in der Folge als erste afrikanische Staaten Anfang Februar Verhandlungen über Notkredite aufgenommen.

Die niedrigen Rohstoffpreise machen die Notwendigkeit einer stärkeren Diversifizierung der afrikanischen Volkswirtschaften wieder einmal besonders deutlich. Sie ist Grundbedingung für nachhaltiges Wachstum und Arbeitsplätze. Wichtig ist unter anderem der Ausbau der Transportinfrastruktur sowie der Wasser- und Energieversorgung. Auch ausländische Investoren können dabei mitwirken, die Industrialisierung voranzutreiben. Voraussetzung sind jedoch verlässliche, investitionsfreundliche Rahmenbedingungen. Dazu gehören eine stabile Sicherheitslage, transparente Verwaltungsvorschriften und die konsequente Bekämpfung von Korruption – hier ist der Weg oft noch weit.

Deutsche Unternehmen in Afrika unterstützen

Deutsche Unternehmen könnten durch Handel und Investitionen einen Wachstumskurs Afrikas befördern. Hierfür ist eine zielorientierte Unterstützung der deutschen Wirtschaft in Afrika notwendig: Entwicklungszusammenarbeit  und Außenwirtschaftsförderung müssen dazu noch enger verzahnt werden, vor allem durch eine bessere Zusammenarbeit bei Projekten in Bereichen wie Berufsbildung, Energieversorgung und Infrastrukturausbau. Zudem sollten geeignete Förder- und Absicherungsinstrumente die Aktivitäten deutscher Betriebe in Afrika flankieren. Diese müssen an die unternehmerischen Bedarfe und Möglichkeiten in den jeweiligen Partnerländern angepasst sein. Die Bundesregierung sollte die Investitionsschutzverträge mit afrikanischen Partnern aktiv vorantreiben und staatliche Exportkreditgarantien schrittweise weiterentwickeln, beispielsweise durch eine regelmäßigere Überprüfung der Deckungsmöglichkeiten für afrikanische Länder.