So war´s: Nordafrika-Forum 2012

München (10.07.2012) - „Wandel als Chance“ war das Motto des Nordafrika-Forums am 4. Juli 2012 in München. Rund 100 Unternehmen informierten sich über Perspektiven und Entwicklungen südlich des Mittelmeers.
  • Vom krisengeschüttelten Ägypten bis zum stabilen Marokko – um aktuelle Entwicklungen und die Zukunft Nordafrikas ging es am 4. Juli in München. Zum Auftakt der Veranstaltung blickte Nahost-Experte Michael Lüders zurück auf den Arabischen Frühling und seine Folgen, beleuchtete die politischen Verflechtungen und möglichen Zukunftsszenarien der Region. Im Anschluss informierten die Länderexperten der Auslandskammern und des Afrikavereins über die aktuelle Lage und wirtschaftlichen Perspektiven der einzelnen Märkte.

  • Ägypten

    Ägypten, so Rainer Herret, Geschäftsführer der AHK Kairo, habe noch einen langen Weg vor sich. Die Wirtschaft sei nach wie vor planwirtschaftlich ausgerichtet, zeige aber erste Tendenzen der Liberalisierung. Ägyptens Hauptprobleme seien Armut, eine hohe Inflation, 34% Jugendarbeitslosigkeit sowie eine viel zu hohe Staatsquote. Wachstumsbranchen seien die Bereiche Infrastruktur, Maschinenbau, Medizin- und Umwelttechnik, auch im Bereich Bildung bestehe ein großer Bedarf.

  • Tunesien

    Tunesien, wo der Arabische Frühling begann, leidet ebenfalls unter einer hohen Jugendarbeitslosigkeit. Andrea Ben Mahmoud, Marktberaterin der AHK Tunis, betonte jedoch die marktwirtschaftliche Ausrichtung, den guten Bildungsstand der Bevölkerung und die enge Anbindung an Europa: 80% der tunesischen Exporte gingen in die EU. Das Gefälle zwischen Stadt und Land sei zu groß, z.B. sei die Kaufkraft in den Küstenregionen um 85% höher als im Binnenland. Dennoch biete Tunesien mit seiner relativ diversifizierten Wirtschaft durchaus die Qualitäten und den Standard eines südeuropäischen Landes.

  • Tunesien
    Marokko

    Marokko, so AHK-Geschäftsführer Marco Wiedemann, zeichne sich durch politische Kontinuität aus. Der Nahrungsmittelsektor sei der wichtigste verarbeitende Industriezweig, allerdings leide die marokkanische Industrie an Strukturschwächen wie geringe Produktivität, veraltete Technik oder lückenhafte Logistikketten. Dynamisches Wachstum gäbe es vor allem im Automobilsektor, im Renault-Werk bei Tanger würden 250.000 Kraftfahrzeuge im Jahr hergestellt, auch hätten sich viele Zulieferer im Land niedergelassen. Gute Chancen für deutsche Unternehmen bestünden auch in den Bereichen Chemie, Maschinenbau und Energie.

  • Algerien

    „Algerien – Afrikas unterschätzter Koloss“ lautete der Vortrag von Christoph Partsch, der die AHK in Algier leitet. Mit einem BIP von 160 Mrd. Euro und Devisenreserven von 179 Mrd. US-$ sei Algerien die drittgrößte Volkswirtschaft Afrikas, betonte Partsch, sowie ein Markt mit großem Wachstumspotenzial. In Algerien könne man nicht von einem Umbruch sprechen, sondern vielmehr von einem vorsichtigen Aufbruch. Algeriens Reichtum basiere auf den Öl- und Gasreserven, die wachsende Kaufkraft lasse die Importe stetig ansteigen. Das Land investiere viel in den Ausbau der Infrastruktur, in Bildung, Gesundheit, Wohnungsbau, Verkehr und erneuerbare Energien. Durch seine finanzielle Unabhängigkeit habe Algerien das größte Potenzial in der MENA-Region und sei damit für technologieorientierte deutsche Unternehmen ein höchst interessanter Absatzmarkt.

  • Libyen

    Auch Libyen besitzt viel Potenzial. Nirgends in Afrika sei das Pro-Kopf-Einkommen so hoch, betonte Katrin Laskowski vom Afrikaverein. Durch die Einnahmen aus Erdölexporten sei das Land schuldenfrei und verfüge über enorme Devisenreserven von fast 100 Mrd. US-$. Experten bescheinigten Libyen große Wachstumschancen, wobei deutsche Unternehmen an diversen Infrastrukturprojekten partizipieren könnten. Allerdings sei das Land derzeit noch in der Wiederaufbauphase, es fehlte an Rechtssicherheit und klaren Strukturen. Auch würden alle in der Gaddafi-Zeit geschlossenen Verträge überprüft. Die besten Markteinstiegschancen seien im Moment durch die Zusammenarbeit mit tunesischen Firmen gegeben. Tunesien spiele in Libyen durch seine Unterstützung während des Aufstands eine wichtige Rolle.

  • Libyen
    Bildung und Arbeit

    Bildung und Arbeit standen im Mittelpunkt des nächsten Panels. Hildegard Vogelmann von der GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) Kairo stellte die Herausforderungen des nordafrikanischen Arbeitsmarktes heraus. Der Kern des Problems sei die überall in der Region herrschende Jugendarbeitslosigkeit, betonte Vogelmann. Gleichzeitig seien 1,5 Mio. Stellen im gewerblichen Bereich offen. Ausländische Investoren hätten oft große Schwierigkeiten, Fachpersonal zu finden, da die jungen Menschen tendenziell einen akademischen Abschluss anstrebten und vorzugsweise für den Staat arbeiten wollten. Außerdem fehle es an den nötigen Strukturen für Arbeitsvermittlung. Unternehmer sollten, um Personal zu finden und zu halten, spezielle Angebote erarbeiten. Gefragt seien vor allem Lern- und Entwicklungschancen sowie ein gutes Arbeitsumfeld.

  • Finanzierung und Förderung

    Finanzierung und Förderung bildeten den Abschluss der Vortragsveranstaltung. Hervé Guenassia von der Europäischen Investitionsbank stellte das FEMIP-Programm vor, das von der EU speziell für die Mittelmeer-Partnerländer aufgelegt wurde und seit 2002 in Kraft ist. 2011 wurde 1 Mrd. Euro für die Sektoren Transport, Telekommunikation, Personalentwicklung, Tourismus und Energie bereit gestellt. Das Förderprogramm, so Guenassia, beinhalte neben langfristigen günstigen Darlehen u.a. technische Unterstützung, Machbarkeitsstudien und Übernahme politischer Risiken. Vor allem im Energiesektor ergäben sich große Chancen für darauf spezialisierte europäische Unternehmen. Möglichkeiten der Absicherung gegen Zahlungsausfälle war das Thema von Matthias Klaholt von Euler Hermes. Die Bundesrepublik Deutschland bietet hier ein Instrumentarium, das den Großteil wirtschaftlicher und politischer Risiken absichert, was vor allem bei langfristigen Lieferungen von Investitionsgütern interessant ist. Auch die Instrumente Fabrikationsrisikodeckung und Lieferantenkreditdeckung wurden anhand praktischer Beispiele vorgestellt, ebenso die Möglichkeit der Refinanzierung über Forderungsankauf. Parallel zu den Vorträgen konnten die rund 100 Veranstaltungsteilnehmer sich in Einzelgesprächen beraten lassen und sich an den Ständen von Germany Trade & Invest, Bayern International, PR-ofession Consulting und Außenwirtschaftszentrum Bayern über Trends und Neuheiten rund um die Region informieren.